Auktion 291: 150 Ausgewählte Kunstwerke 11.9.2026

Mit der Rückkehr ins Baskenland Anfang der 1950er-Jahre vollzog Eduardo Chillida einen entscheidenden Wendepunkt in seinem künstlerischen Schaffen. Nach ersten Jahren in Paris, wo er sich mit figurativen Arbeiten aus Gips und Ton beschäftigte, fand er in der Arbeit mit geschmiedetemEisen zu jener eigenständigen Aus- drucksform, die sein späteresWerk prägen sollte. In seinemAtelier in Hernani, das über eine eigene Schmiede verfügte, entstanden die ersten grossen Experimentemit demMaterial. Hier entwickelte er die charakteristische Verbindung von Kraft, Bewegung und räumlicher Spannung, die sein Œuvre unverwechselbar macht. Die 1957 entstandene Skulptur «Ikaraundi» nimmt innerhalb dieser Werkphase eine besondere Stellung ein. Sie gehört zu denwenigen Eisenarbeiten, die später zusätzlich in einer kleinen Bronzeedition vervielfältigt wurde. Das vorliegende Werk ist die ursprüngliche, vom Künstler geschmiedete Eisenfassung und damit Ausgangs- punkt der vier Bronzeabgüsse. Der Titel lässt sich aus dem Baskischen mit «Grosses Zittern» über- setzen und verweist auf die bewegte, beinahe pulsierendeWirkung der Form. Die Skulptur besteht aus einem einzigen Metallband, das durch Schneiden, Biegen und Schmieden in ein komplexes Geflecht aus Linien, Flächen undWinkeln verwandelt wurde. Trotz ihrer mate- riellen Schwere vermittelt die Arbeit eine überraschende Leichtigkeit und Dynamik. Die geschwungenen und gegeneinander versetzten Elemente scheinen den umgebenden Raum in Schwingung zu ver- setzen und machen ihn als aktiven Bestandteil der Komposition erfahrbar. Chillida formulierte dies so: «Die Skulptur ist eine Funktion des Raums. Ich meine damit nicht den Raum ausserhalb der Form, der das Volumen umgibt und in demdie Formen existieren, sondern den Raum, der von den Formen erzeugt wird, der in ihnen existiert und der umsowirkungsvoller ist, je unauffälliger er wirkt. Man könnte ihn mit dem Atem vergleichen, der Formen ausdehnt und zusam- menzieht, der ihren Raum […] für den Blick öffnet. Ich betrachte ihn nicht als etwas Abstraktes, sondern als eine Realität, die so greifbar ist wie das Volumen, das ihn umhüllt.» (zitiert aus: Ausstellungska- talog Madrid/Bilbao 1998/1999). In diesen Jahren entwickelte Chillida eine Bildsprache, die sich bewusst von jeder gegenständlichen Darstellung löste. Statt Figu- ren oder Erzählungen interessierten ihn die Möglichkeiten des Materials und die Beziehung zwischen Formund Leere. Der Kunst- historiker Kosme de Barañano y Letamendía beschreibt diese Haltung 1999 im Ausstellungskatalog Madrid/Bilbao 1998/1999 treffend: «Chillida zeigt, dass eine Skulptur auch ein inneres Feuer braucht, um eine eigene Musik zu vermitteln und ihren Raum zu schaffen. Ein klares Beispiel ist die Plastik «Ikaraundi» von 1957, eine gebrochene Linie wie eine Partitur, die aus demFeuer hervor- geht. Bachs Akkorde sind hier auf dem gut gestimmten Eisen gemeisselt.». James Johnson Sweeney erkannte in den Arbeiten der 1950er- Jahre eine neue künstlerische Freiheit. Er sah darin «eine Aus- drucksweise, die seinem Temperament besonders entsprach, vielleicht nicht nur seinem persönlichen Temperament, sondern sogar dem spanischen Temperament: ein Ausdruck des Kontrasts zwischen Extremen […] wir sehen dies beispielsweise in «Ikaraundi» von 1957 und in den Werken, die in den folgenden drei Jahren darauf folgten. Wir sehen, wie er ein einzelnes Stück Metall oder später einenMetallstab nimmt, es schneidet und so biegt, dass der Formfluss ununterbrochen bleibt und die Einheit der Gestaltung durch den Kontrast zwischen der daraus resultierenden Vielfalt der Formen und unserem Bewusstsein für das einzelne, ununterbro- chene Stück, aus dem sie stammen, betont wird.» (Ausstellungs- katalog Valencia 1998). Carola Giedion-Welcker charakterisierte die Arbeit im Ausstel- lungskatalog Zürich 1969 als «das Fortissimo einer Schwingung, die aus einem tiefen Reservoir in der Erde aufsteigt und als rhyth- misch organisierte Bewegung im Raum weitervibriert.» Damit beschreibt sie treffend die besondereQualität von «Ikaraundi»: eine Skulptur, die Masse und Leere, Spannung und Harmonie, Material und Raum in ein aussergewöhnliches Gleichgewicht bringt. Das Werk zählt heute zu den Schlüsselarbeiten und wird von eini- gen Autorinnen und Autoren sogar als Hauptwerk der frühen Schaf- fensphase Chillidas bezeichnet und markiert einen wichtigen Moment in der Entwicklung der modernen Skulptur.

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