Auktion 291: 150 Ausgewählte Kunstwerke 11.9.2026

1930. Öl auf Leinwand. 146,5×114,5 cm. Unten links vom Künstler signiert und datiert «r. delaunay 30», rückseitig betitelt und datiert «les disques soleil détail[…] (la joie de vivre) /1930 / composition pour/un mur de la vallée/des artistes». Im originalen Chassis. Mit Krakelüren in den hellen Farbpartien. Mit leicht bräunlichen Flecken in den gelben und orangen Farbfeldern durch die Alterung des Bin- demittels. Insgesamt farbfrisch und in sehr guter Erhaltung. Schätzung CHF 2500000 Werkverzeichnis Pierre Francastel/Guy Habasque, Robert Delaunay, Du cubisme à l’art abstrait, Suivis d’un catalogue de l’œuvre de R. Delaunay, Paris 1957, Nr. 272 Echtheitszertifikat von Pracusa Artisticas S.A., Richard Riss, datiert vom 28. Juli 2026, liegt vor Provenienz Galerie Henry Bing, Paris Galerie Louis Carré, Paris Slg. Dr. Franz Meyer sen., Zürich, durch Erbschaft an Privatsammlung Schweiz Literatur Franz Meyer, Robert Delaunay, «Hommage à Blériot. 1914», Separat- abzug aus demJahresbericht 1962 der Öffentlichen Kunstsammlung Basel, Basel 1962, Abb. 7 Ausstellungen São Paolo 1949, Museu de Arte Moderna, Do Figurativismo ao Abs- tracionismo, Kat. Nr. 17 Rio de Janeiro 1949, Museu de Arte Moderna, Exposiçao de Pintura e Escultura, Kat. Nr. 17 Buenos Aires 1949, Istituto de Arte Moderno, Del Arte Figurativo al Arte Abstracto, Kat. Nr. 10, rückseitig mit Etikett Bern 1951, Kunsthalle, Robert Delaunay, Kat. Nr. 52, rückseitig mit Etikett Lüttich 1955, Musée des Beaux-Arts, Robert Delaunay, Kat. Nr. 17 Paris 1957, MuséeNational d’Art Moderne, Robert Delaunay, Kat. Nr. 78 Basel 1977, Galerie Beyeler, Delaunay/Mondrian, Kat. Nr. 19, rücksei- tig mit Etikett Basel 2008, Kunstmuseum, Robert Delaunay, Hommage à Blériot, Kat. Nr. 6, rückseitig mit Etikett Zürich 2018, Kunsthaus, Robert Delaunay und Paris, Kat. Nr. 74 Robert Delaunay gilt als Hauptvertreter des orphischen Kubismus, auch «Orphismus» genannt. Den vom griechischen Mythos des Orpheus abgeleiteten Begriff prägte der Dichter und Kunstkritiker Guillaume Apollinaire im Jahr 1912, nachdem er farbintensive Werke des Künstlers gesehen hatte. Der Orphismus entstand als Reaktion auf die Stilrichtung des analytischen Kubismus mit seiner reduzierten, beinahe monochrom gehaltenen Farbpalette und war geprägt von kräftigen Farben und geometrischen Formen. Delaunay arbeitete gerne in Serien: So zählen die ab 1909 geschaffenen Werke mit den Motiven zu «Saint-Séverin» oder «La Tour», die Fensterbilder «Fenêtres» ab 1912 und die «Formes Circulaires» ab 1913 zu den bedeutendsten Arbeiten seines Œuvres. Nach einer längeren Unterbrechung nahm der Künstler in den 1930er-Jahren die Kreisformen in der Serie «Ryth- mes» wieder auf. Für unser Gemälde «Rythmes: Joie de vivre» wählte er eine Komposition, die bereits zwischen 1913 und 1914 in einer Reihe von Arbeiten angelegt war und unter dem Titel «Hommage à Blériot» in die Kunstgeschichte einging. Eine Ausstellung im Kunstmuseum Basel im Jahr 2008 widmete sich explizit dieser Werkgruppe. Roland Wetzel hat in seinem Aufsatz dargelegt, dass acht unterschiedliche Arbeiten mit dem gleichnamigen Titel existieren, darunter ein gross- formatiges Gemälde in Leimtempera auf Leinwand in den Massen 250,5×251,5 cm, das sich in der Sammlung des Kunstmuseum Basel befindet. Während Guy Habasque im Werkkatalog sechs Arbeiten dokumentieren konnte, gelang es Wetzel, noch eine kleine Ölskizze und eine zweite grossformatige Version zu identifizieren, die später vom Künstler zerschnitten wurde und als Ganzes nur als Fotografie überliefert ist. Als Fragment existiert der untere Teil des Gesamt- werkes in «Hommage à Blériot» No. 2 von 1913/1914 in den Massen 114,3×193,5 cm sowie in unseremGemälde «Rythmes: Joie de vivre», in dem Delaunay den oberen linken Teil des Gesamtwerkes im Jahr 1930 neu fasste, vgl. die Schwarz-Weiss-Fotografie (oben). Somit nimmt unser Werk sowohl thematisch als auch kompositorisch Bezug auf die Serie der frühen «Hommage à Blériot»-Arbeiten, die der Künst- ler dem französischen Luftfahrtpionier Louis Blériot (1872–1936) wid- mete. Blériot gelang es als Erstem, den Ärmelkanal von Calais nach Dover mit seinem Flugobjekt «Blériot XI» zu überqueren. In den meis- ten Fassungen sind figurative Elementewie das Flugzeug, menschliche Silhouetten und der Eiffelturm zu erkennen, dominierend sind jedoch die Kreisformen, die um die Bildmitte angeordnet sind. Die vorliegende Arbeit gehört zur Serie «Rythmes», die zu Beginn der 1930er-Jahre entstanden ist und in der Delaunay erneut zu kreisförmigen Formen und abstrakten Strukturen zurückkehrt. Unter demTitel «Rythme: Joie de vivre» führt Guy Habasque zwei weitere Arbeiten auf, darunter einÖlgemälde in denMassen 200×228 cm, das sich heute als Schenkung von Sonia Delaunay im Besitz des Musée d’art moderne de la ville de Paris – Centre Pompidou, Paris (Habasque 273), befindet, sowie ein Werk von 1931 in den Massen 203×180 cm (Habasque 278), das aus Privatbesitz stammte und 2014 in Paris versteigert wurde. Unser Bild wurde vermutlich zur Dekoration der Wände eines von Delaunay 1931 in Nesles-la-Vallée geplanten Künstlerprojekts ent- worfen. So suggeriert es auf jeden Fall die rückseitige Bezeichnung. Dort wollte er eine Gemeinschaft von Kunstschaffenden aufbauen, mit LeCorbusier als Architekt. Das sogenannte Phalanstère-Projekt blieb jedoch aufgrund finanzieller oder konzeptioneller Schwierig- keiten im Stadium einer Utopie und wurde nicht verwirklicht. Das Bildwird von konzentrischen Kreisen, Scheiben und Bögen domi- niert, die sich gegenseitig überschneiden und überlagern. Diagonale Linien durchbrechen die Rundungen und verstärken den Eindruck von rhythmischer Bewegung. Warme Töne wie Gelb, Orange und Rot bilden das Zentrum und vermitteln die titelgebende Lebensfreude. Kontraste werden durch kühles Blau, Grün sowie Akzente in Schwarz undWeiss gesetzt. Es ist einMeisterwerk des Orphismus, in der Farbe und Licht die rein abstrakte Komposition bestimmte. 84 Robert Delaunay Paris 1885–1941 Montpellier Rythmes: Joie de vivre Hommage à Blériot No. 2, 1913/1914

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