Auktion 291: 150 Ausgewählte Kunstwerke 11.9.2026

1934. Öl auf Leinwand. 196×130 cm. Unten rechts vom Künstler signiert und datiert «r. delaunay 1934». Die Leinwandwurde seitlich stellenweisemit Heftklammern verstärkt. Der Bildträger besteht aus vier horizontal zusammengenähten Leinwandbahnen und wurde zur zusätzlichen Stabilisierung auf eine zweite Leinwand aufgezo- gen. Der pastose Farbauftragweist Krakelüren sowie geringfügige Übermalungen auf. Insgesamt in sehr guter Erhaltung. Schätzung CHF 1 750000 Werkverzeichnis Pierre Francastel/Guy Habasque, Robert Delaunay, Du cubisme à l’art abstrait, Suivis d’un catalogue de l’œuvre de R. Delaunay, Paris 1957, Nr. 302 Echtheitszertifikat von Pracusa Artisticas S.A., Richard Riss, datiert vom 28. Juli 2026, liegt vor Provenienz Galerie Bing, Paris Slg. Dr. Franz Meyer sen., Zürich, durch Erbschaft an Privatsammlung Schweiz Literatur Francis Jourdain/Léon Degand, Art réaliste, Art abstrait, in: Le Point no. XLIX, Souillac-Mulhouse, 1954 Ausstellungen Bern 1951, Kunsthalle, Robert Delaunay, Kat. Nr. 58, dort betitelt «Le grand disque» Tokyo 1979, Musée National d’Art Moderne, Robert/Sonia Delau- nay, Kat. Nr. 34 Zürich 2018, Kunsthaus, Robert Delaunay und Paris, Kat. Nr. 77 «Solange die Kunst vom Gegenstand nicht loskommt, bleibt sie Beschreibung, Literatur; sie erniedrigt sich durch die Verwendung mangelhafter Ausdrucksmittel und verdammt sich zur Sklaverei der Imitation.»Mit dieser deutlichen Aussage formulierte Robert Delau- nay sein Verständnis moderner Malerei (zitiert aus Ausstellungs- katalog Galerie Beyeler 1977). Gemeinsammit Wassily Kandinsky, František Kupka und Piet Mondrian zählt Delaunay zu den zentralen Wegbereitern der gegenstandslosen Malerei. Für Delaunay war Malerei keine rein persönliche oder auf den pri- vaten Raum beschränkte Tätigkeit. Vielmehr verstand er Kunst als aktiven Beitrag zur Gestaltung der urbanen Moderne. Deshalb wandte er sich nicht zuletzt der angewandten Kunst zu und entwarf Werbeplakate. Dadurch konnte er seine charakteristischen kreis- förmigen Formen und Scheibenmotive unmittelbar mit dem städ- tischen Umfeld verbinden. Zugleich suchte er die Integration seiner Kunst in die Architektur. So gestaltete er unter anderemdie Pavillons der Eisenbahn und der Luftfahrt für die Weltausstellung von 1937. ImZentrumseines Schaffens stand die Suche nach einemanschau- lichen Ausdruck visueller Mobilität. Die frühe kubistische Phase von Pablo Picasso beeinflusste Delaunay auf seinem Weg zur Abstraktion massgeblich. Die kubistische Zergliederung der Gegenstände nutzte er jedoch nicht zur Analyse, sondern zur Ent- wicklung einer neuen bildnerischen Synthese. Ein frühes Beispiel dafür ist das Gemäldemit dem Innenraumder Pariser Kirche Saint- Séverin. Der dargestellte Kirchenraummit demgotischen Gewölbe wirkt bis heute durch seine irritierende und dynamische Seh­ erfahrung. Einen entscheidendenWendepunkt imSchaffen von Robert Delau- nay markiert das Jahr 1930. Delaunay gab damals die figurative Malerei endgültig auf, insbesondere die Porträts seiner Freunde, die er seit seiner Rückkehr nach Frankreich im Jahr 1921 gemalt hatte. Stattdessen griff er auf die bereits vor dem Ersten Weltkrieg entwickelten kreisförmigen Formenmit leuchtenden Farben zurück. «Rythme» von 1934 ist dafür exemplarisch und bezeugt das weit- reichende Interesse des Künstlers an der Erforschung harmoni- scher Farb- und Formbeziehungen. Für Delaunay war die Moderne durch visuelle Überfülle geprägt. Die urbanen Neuerungen seiner Zeit – der Gigantismus des Eiffel- turms, die Wirkung grossformatiger Plakatwände, die Elektrifizie- rung der Strassenbeleuchtung oder der Aufstieg der Luftfahrt – erschienen ihm als ein überwältigender optischer Reiz. Inspiriert von astralen Theorien, von den Bewegungen rotierender Propeller und den Lichtkränzen elektrischer Lampen, versuchte er, die durch das rechteckige Format der Leinwand gesetzten Grenzen künst- lerisch zu überwinden. Dies erreichte er durch seine dynamisch aufgeladenen Kompositionen. Der Kreis wurde für Delaunay zum Symbol einer rasenden und endlosen Bewegung, die sich in der Farbe verkörpert und ausdrückt, und diese übernimmt schliesslich auch die eigentliche Bildhandlung. Bei unserem Gemälde zeigt sich mustergültig Delaunays Streben nach einer «reinen Malerei», in der das Licht die Farbe in Bewegung setzt und die Malerei aus ihren eigenen Mitteln heraus wirkt. 85 Robert Delaunay Paris 1885–1941 Montpellier Rythme

RkJQdWJsaXNoZXIy NTQ4OTU=