Auktion 291: 150 Ausgewählte Kunstwerke 11.9.2026

1910. Holzobjekt (zweiteilig). Kugel: 14 cm, Durchmesser; Holzstab: Höhe 23 cm. Auf der Kugel vomKünstler mit einem spitzen Gegen- stand eingeritzt und geschwärzt bezeichnet, gewidmet, signiert und datiert: «Bilboquet/Souvenir de Paris/Àmon ami M. Bergmann/ Duchamp/printemps 1910». Gebrauchsspuren, schöne Patina. Die Holzkugel mit alten Spalten imHolz. Diewohl ursprünglichmontierte Schnur zwischen den beiden Teilen nicht vorhanden. In sehr guter Erhaltung. Schätzung CHF 1000000 * Werkverzeichnis Nicht bei Arturo Schwarz, TheCompleteWorks of Marcel Duchamp, Revised and Expanded Edition, London 1997 Registriert in den Archiven der AssociationMarcel Duchamp unter der Nummer 10.679O Zertifikat der AssociationMarcel Duchamp, datiert vom3. März 2015, liegt, wie immer bei Duchamp, in Kopie vor Provenienz Geschenk des Künstlers im Jahr 1910 an Slg. Max Bergmann (1884-1955), München, durch Erbschaft im selben Familienbesitz an Slg. Ursula und Klaus-Peter Bergmann, Haimhausen, versteigert bei Auktion Ketterer, München, 6. Dezember 2019, Los 164, dort erwor- ben von Privatsammlung Deutschland Literatur Jennifer Gough-Cooper/Jacques Caumont, Effemeridi su e intorno a Marcel Duchamp e Rrose Sélavy, 1887–1968, Mailand 1993, s.u. 18 Aprile 1910 Francis M. Naumann, Marcel Duchamp, The Art of Making Art in the Age of Mechanical Reproduction, New York 1999, S. 40ff. Rudolf Herz, Marcel Duchamp, Le Mystère de Munich, Architek- turmuseumder TU, München 2012, S. 43 ff., 58 ff.MatthiasMühling, Bilboquet, 1910, in: Ausstellungskatalog Marcel Duchamp, Mün- chen 2012, S. 110 ff. Francis M. Naumann, The Recurrent, Haunting Ghost, Essays on the Art, Life and Legacy of Marcel Duchamp, New York 2012, S. 59 Ausstellungen Venedig 1993, Palazzo Grassi, Marcel Duchamp London/Barcelona 2008, Tate Modern/Museu Nacional d’Art de Catalunya, Duchamp, Man Ray, Picabia Málaga 2011, Museo Picasso, Toys of the Avant-Garde München 2012, StädtischeGalerie imLenbachhaus und Kunstbau, Marcel Duchamp, S. 115 Frankfurt amMain 2022, MMK-Museum für Moderne Kunst, Marcel Duchamp, Retrospektive Es liegt eine Leihanfrage des Musée national d’art moderne, Cen- tre Pompidou, Paris, für «Bilboquet» vor für die grosse Übersichts- ausstellung «Marcel Duchamp – Possible Portrait», geplant für März–Juli 2027 Marcel DuchampsWerk markiert einenWendepunkt der Kunstge- schichte. Mit seinen Readymades stellte er nicht mehr die hand- werkliche Herstellung, sondern die Idee und den gedanklichen Kontext eines Gegenstandes in den Mittelpunkt. Rückblickend gewinnen deshalb selbst scheinbar nebensächliche Objekte sei- nes Frühwerks besondere Bedeutung. Zu ihnen gehört das vorlie- gende «Bilboquet», ein einfaches hölzernes Geschicklichkeitsspiel, das sich als erstaunlicher Vorläufer jener Denkweise erweist, wel- che Duchamps späteres Schaffen bestimmen sollte. Am18. April 1910schenkteder zweiundzwanzigjährigeMarcel Duchamp seinem deutschen Künstlerfreund Max Bergmann (1884-1955) ein Bil- boquet als Abschiedsgeschenk. Die sorgfältig in die Holzkugel einge- ritzteWidmung «Bilboquet / Souvenir deParis / ÀmonamiM. Bergmann / Duchamp / printemps 1910»macht aus einemgewöhnlichenSpielzeug einpersönlichesErinnerungsstück. GeradedieseVerbindungvon indus- triell gefertigtemObjekt und individueller Signatur lässt das «Bilboquet» heute weit über seinen ursprünglichen Zweck hinausweisen. Das Bilboquet zählt zu den ältesten europäischen Geschicklichkeits- spielen. Eine durchbohrte Holzkugel ist über eine Schnur mit einem gedrechselten Holzstab verbunden; Ziel des Spiels ist es, die Kugel so aufzufangen, dass ihreÖffnung auf demZapfen desGriffes landet. Das scheinbar einfache Spiel verlangt Präzision und Übung, während Fehl- versuche weit häufiger sind als das Gelingen. Bereits hierin lässt sich einMotiv erkennen, dasDuchamps späteresWerk immerwieder durch- zieht, nämlich das Spannungsverhältnis zwischen Annäherung und Scheitern. AuchdieSprachgeschichteverweist auf eine zweiteBedeutungsebene. Wahrscheinlich verbindet sich bille («Kugel») mit bocquet («Speer- spitze»); andereDeutungen führen den Begriff auf bouquer zurück, das unter anderem «stossen» oder «eindringen» bedeuten konnte. Das Bil- boquet besass deshalb imFrankreichdes 19. Jahrhunderts längst nicht mehr nur den Charakter eines harmlosen Kinderspiels. Max Bergmann, der Empfänger des Geschenks, gehörte während Duchamps früher Pariser Jahre zudessen engemFreundeskreis. Beide teilten nicht nur ihre künstlerischen Interessen, sondern auch die Ver- gnügungendesPariser Nachtlebens. Bergmanns Tagebücher erwähnen gemeinsame Besuche in Montmartre, darunter einen Abend in einem Bordell ander RuePigalle.Vor diesemHintergrunderscheint Duchamps Geschenk kaum zufällig gewählt. NochamTagdesAbschieds notierteBergmanndasBilboquet in seinem Tagebuch. Nach einer Beschreibung des Spiels schloss er mit dem rätselhaften Satz: «À part cela il y a d›autres choses» (Darüber hinaus gibt es noch andere Dinge). Gerade diese beiläufige Bemerkung bildet den Schlüssel zur späteren Forschung. Bergmann verzichtete bewusst darauf, seine Andeutung näher zu erläutern. Offenbar existierte zwi- schen den beiden Freunden ein gemeinsames Verständnis, das keiner weiteren Erklärung bedurfte. Tatsächlich war das Bilboquet um 1900 ein allgemein verständliches erotisches Sinnbild. Seine Form, die durchbohrte Kugel und der ein- dringende Stab, wurde in Bildsatiren, Postkarten und literarischen Tex- ten immer wieder als Metapher für Sexualität verwendet. Rudolf Herz hat zahlreiche Beispiele dieser Bildtradition zusammengestellt. Auch AlfredJarry, dessenSchriftenDuchampbewunderte, sowie später Jac- ques Prévert, griffen das Motiv auf und machten dessen doppelte BedeutungzumGegenstand literarischerAnspielungen.Damiterscheint Duchamps Geschenk nicht nur als humorvolles Souvenir, sondern zugleich als bewusst gewähltes Objekt voller kultureller und symboli- scher Konnotationen. Gerade vor diesemHintergrunderhält DuchampsWidmung ihreeigent- licheBedeutung. Anders als eingewöhnlichesAndenken ist «Bilboquet» nicht bloss einErinnerungsstück. IndemDuchampden industriell gefer- tigtenGegenstand signiert und seinemFreundpersönlichwidmet, ver- ändert er nicht dessenForm, wohl aber seinenBedeutungszusammen- hang. Das Spielzeug bleibt funktionstüchtig, wird jedoch zugleich zum Träger einer Idee. Genau hierin kündigt sich jenes Verfahren an, das wenige Jahre später den Readymades zugrunde liegen sollte. Das «Bilboquet» wurde Anfang der 1980er Jahre vom Kunsthistoriker WilhelmWeber imNachlass vonMaxBergmannentdeckt, als er aneiner Monografie zu Bergmann arbeitete. Der amerikanische Duchamp- Forscher Francis M. Naumann hat das Bilboquet deshalb treffend als «Pre-Readymade» bezeichnet. Tatsächlich lassen sich bereits 1910 wesentliche Elemente jener künstlerischen Haltung erkennen, die Duchamp später berühmtmachen sollte. Nicht diehandwerklicheBear- beitung steht imMittelpunkt, sondern die bewussteAuswahl eines vor- 88 Marcel Duchamp Blainville 1887–1968 Paris Bilboquet

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