Auktion 291: 150 Ausgewählte Kunstwerke 11.9.2026
handenen Gegenstandes und dessen Überführung in einen neuen gedanklichen Kontext. Die Signatur dient dabei weniger der Authenti- fizierung als vielmehr der Transformation des Objekts. Auch inhaltlich weist «Bilboquet» überraschende Parallelen zu Duchamps späterem Werk auf. Das zwischen 1915 und 1923 ent- standene «Grosse Glas» kreist um Begehren, Annäherung und die Unmöglichkeit dauerhafter Vereinigung. Die Braut bleibt von den Junggesellen getrennt; ihre Begegnung bleibt eine Projektion. Ein ähnliches Prinzip bestimmt bereits das Bilboquet. Das Spiel lebt vom ständigen Versuch, Kugel und Zapfen miteinander zu verbin- den. Der kurze Moment des Gelingens steht einer Vielzahl von Fehlversuchen gegenüber undmacht den Zufall zu einemwesent- lichen Bestandteil des Spiels. Diese Verbindung von Begehren, Bewegung und Scheitern gehört zu den konstanten Themen in Duchamps Denken. Auch formal lassen sich Bezüge erkennen. Wie beim «Bicycle Wheel» erhält ein alltäglicher Gegenstand durch seinen neuen Kontext eine unerwartete ästhetische Präsenz. Entscheidend ist jedoch weniger die äussere Ähnlichkeit als die geistige Haltung, die beiden Werken zugrunde liegt. Bereits «Bilboquet» zeigt, dass Duchamp gewöhnliche Dinge nicht mehr ausschliesslich nach ihrem Gebrauchswert betrachtete, sondern als Träger kultureller, sprachlicher und symbolischer Bedeutungen verstand. Umso bemerkenswerter erscheint es, dass Duchamp «Bilboquet» nicht ausdrücklich in sein Werk aufnahm. Weder erwähnte er es, als er seine ersten Readymades definierte, noch fand es Eingang in die «Boîte-en-valise» oder in die Werklisten, die Robert Lebel und später Arturo Schwarz mit seiner Mitwirkung erstellten. Erst Jahrzehnte nach seinemTodwurde das Objekt imZusammenhang mit der grossen Retrospektive im Palazzo Grassi 1993 erstmals öffentlich gewürdigt und rückte damit ins Zentrum der kunsthisto- rischen Diskussion. Gerade dieses Schweigen des Künstlers macht den besonderen Reiz des «Bilboquet» aus. Es bewegt sich an der Grenze zwischen privatemErinnerungsstück und Kunstwerk, zwischen persönlicher Geste und konzeptueller Setzung. Duchamp selbst hat seinen Sta- tus niemals definiert. Erst die spätere kunsthistorische Betrachtung erkannte in ihmdenmöglichen Ausgangspunkt einer Entwicklung, die wenige Jahre später in den Readymades ihren programmati- schen Ausdruck fand. Ob «Bilboquet» als erstes Readymade gelten kann, wird die weitere Forschung zeigen. Vielleicht ist diese Frage sogar von unterge- ordneter Bedeutung. Entscheidender erscheint, dass sich an die- sem unscheinbaren Objekt erstmals jene Denkbewegung beob- achten lässt, welche Duchamps gesamtes späteres Schaffen prägt. Nicht die handwerkliche Form bestimmt den künstlerischen Wert eines Gegenstandes, sondern die Idee, die Auswahl und der Kon- text. «Bilboquet» markiert damit einen frühen Moment, in dem Duchamp begann, alltägliche Dinge nicht mehr nur zu benutzen, sondern als Träger von Bedeutung zu begreifen. Gerade deshalb nimmt dieses kleine Holzspielzeug innerhalb seines Frühwerks eine Schlüsselstellung ein, weil es das Verständnis von Kunst im 20. Jahrhundert nachhaltig verändern sollte. Aus diesem Grunde soll die Arbeit im Jahr 2027 Teil der grossen Retrospektive zum Werk Marcel Duchamps im Grand Palais in Paris werden. Tagebuch Max Bergmann, Privatsammlung Deutschland, Bild ZVG
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