Auktion 291: 150 Ausgewählte Kunstwerke 11.9.2026

Als Marcel Duchamp im Frühjahr 1924 anlässlich eines Schachtur- niers in Südfrankreich weilte, berichtete er dem Pariser Sammler Jacques Doucet von einer neuen Leidenschaft, die ihn in den Spiel- sälen der Côte d›Azur beschäftigte. «Die Nachmittage verbringe ich in den Spielsälen, und ich verspüre nicht die geringste Versu- chung. Alles, was ich dort verloren habe, geschah in vollem Bewusstsein, und bislang hat mich die Übererregung des Spielsaals nicht erfasst. Alles an diesem Leben amüsiert mich sehr, und bei meiner Rückkehr werde ich Ihnen eines meiner Systeme erklären», schrieb Duchamp am 21. März 1924 in einem Brief an Doucet (Bib- liothèque littéraire Jacques Doucet, Universités de Paris). In Nizza entwickelte Duchamp ein mathematisch durchdachtes Roulettesystem, das er anschliessend in Monte Carlo erproben wollte. Die ersten Resultate verliefen zwar vielversprechend, blieben jedoch hinter seinen finanziellen Erwartungen zurück. Ummit höhe- ren Einsätzen spielen zu können, suchte er nach einer Möglichkeit, zusätzliches Kapital zu beschaffen. Daraus entstand die ungewöhn- liche Idee, dafür ein Unternehmen zu gründen, dessen Finanzierung über eine eigens ausgegebene Anleihe erfolgen sollte. Vorgesehen war die Emission von dreissig Anteilen zu je 500 Francs. Den Zeich- nern versprach Duchamp eine Rückzahlung innerhalb von drei Jahren zuzüglich einer Verzinsung von zwanzig Prozent. Der sogenannte «Monte Carlo Bond» verbindet auf einzigartige Weise wirtschaftliche Realität, künstlerische Erfindung und ironi- schenWitz. Das Wertpapier ist angelehnt an die Gestaltung ande- rer Wertpapiere. Duchamp kreierte die Anleihe eigenhändig und verband sie mit einer Bildsprache, die Anspielungen auf Mytholo- gie und zeitgenössische Populärkultur vereint. Im Zentrum steht eine von Man Ray aufgenommene Fotografie Duchamps, dessen mit Rasierschaummodelliertes Haar die geflügelte Kopfbedeckung des Merkur, des Gottes des Handels und des Geldes, evoziert. Hinter der humorvollen Inszenierung verbarg sich jedoch ein durch- aus ernst gemeintes Projekt. Diesem Exemplar sind zwei Original- fotografien von Man Ray beigegeben (s.u.), auf denen Duchamp als Merkur posiert. Auf der Rückseite desWertpapiers ist ein Auszug aus den Statuten abgedruckt. Der Zweck der Firma war unter Ziff. 1 dargelegt: «L›exploitation de la Roulette de Monte-Carlo» (also faktisch die «Ausbeutung» der Spielbank in Monte Carlo). Weiter versprach Duchamp unter den Ziff. 2 und 4 einen Ertrag von 20 %, der per 1. März fällig wurde. Sämtliche Exemplare tragen die Signaturen «M. Duchamp» (Un administrateur) und «Rrose Sélavy» (Le Président du Conseil d›Administration). Duchamp nutzte immer wieder das Pseudonym «Rrose Sélavy («Éros, c›est la vie»), er hat dasWerk also gleich zweimal selber signiert. Rechtsgültigkeit besassen allerdings nur jene Bonds, die zusätzlich mit einer Fünfzig-Centimes-Steu- ermarke versehen waren. Da Duchamps Vater als Notar tätig gewe- sen war, kannte der Künstler die juristischen Voraussetzungen für die Beglaubigung offizieller Dokumente mittels Steuermarken. Dieses Verfahren überführte er in seine künstlerische Praxis. Meh- rere seiner Pochoirs versah er ebenfalls mit entsprechenden Mar- ken und verlieh ihnen damit den Status eines Originals, obwohl sie technisch auf reproduktiven Verfahren beruhten. Arturo Schwarz spricht von einem «Imitated Rectified Readymade» (imitiertes rek- tifiziertes Readymade). Duchamps Plan ging nicht auf, sein System konnte die Spielbank nicht knacken. Gegenüber James Johnson Sweeney gab er zu, dass er nie gewonnen habe. Anscheinend zahlte er im ersten Jahr jedoch einen Teil der Dividende aus. Von der geplanten Auflage von dreissig Anleihen wurden nach heutigem Forschungsstand lediglich acht Exemplare komplett realisiert; praktisch alle befinden sich heute inMuseumssammlun- gen. Im Dezember 1938 gab Duchamp, der die Wichtigkeit der Arbeit für seinŒuvre erkannte, in der Nr. 4 der Zeitschrift XX e Siècle eineOffsetlithografie in einer Auflage von 2000 Exemplaren heraus, die aber nichts mit den ursprünglichen Originalbonds zu tun hatte. Die originalen Wertpapiere von 1924 gelangten ausschliesslich in den Besitz enger Freunde und Förderer, darunter etwa Jacques Doucet, Ettie Stettheimer, George Hoyningen-Huene, Marie Lau- rencin oder Madeleine Turban. Die Anleihe mit der Nummer «12» schenkte Duchamp später dem Museum of Modern Art in New York. Diese Nummer war auch Vorlage für die Edition von 1938. Das hier vorliegende Exemplar erwarb die aus Rouen stammende Madeleine Turban, mit der Duchamp seit ihrer ersten Begegnung im Jahr 1917 in New York befreundet war. Damals organisierte sie eine Benefizauktion zugunsten des Roten Kreuzes. Als sich beide imDezember 1924 erneut in NewYork trafen, verbrachten sie zahl- reiche Abende zusammen, Duchamp machte sie auch mit seinem Bekanntenkreis vertraut. Turban hat den Bondmit der Nummer «22» direkt von Duchamp erworben und ihn offenbar bis in die 1980er- Jahre behalten. Der äusserst seltene, originale «Monte Carlo Bond» von 1924 zählt zu Marcel Duchamps radikalsten konzeptuellen Werken, in dem er Kunst, Wirtschaft und Ironie miteinander verbindet und den Wert von Geld, Kunst und Originalität spielerisch infrage stellt. Als zugleich rechtsgültiges Finanzdokument und eigenständiges Kunstwerk gilt der «Monte Carlo Bond» als frühes Schlüsselwerk der Konzeptkunst. Monte Carlo Bond, verso, Detail

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