Auktion 292: Kunst aus sechs Jahrhunderten 10.9.2026
331 Ernst Ludwig Kirchner Aschaffenburg 1880–1938 Davos Entwurfsmodell, architektonischer Aufriss zu den Wandmalereien im Treppenhaus des Brunnenturms im Sanatorium Dr. Kohnstamm in Königstein 1916. Kohlezeichnung auf grau grundiertem Karton mit 5 eingeklebten Fotografien des Künstlers, der Karton ist dreigeteilt und gefaltet. 28,5×98,7 cm. Aussen auf dem Umschlag vom Künstler in Bleistift betitelt «Fresken Sanatorium Kohnstamm». Auf Seite 1 in Bleistift bezeichnet «Fresken für SanatoriumKohnstamm/Farben Blau, Schwarz oder Grün. / Photos leider etwas ungleich im Ton. /Originale ruhig flächig. E. L. Kirchner», bei zwei der Fotografien in Tinte handschriftlich bezeichnet «geändert». Mit Gebrauchsspuren. Insgesamt in sehr guter Erhaltung. Schätzung CHF 8000* Provenienz Slg. Eberhard W. Kornfeld, Bern, rückseitig mit dem Sammlerstempel, Lugt 913b. Literatur Hans-Peter Keller, Ernst Ludwig Kirchner, Gestaltete Wände und Räume, München 2020, S. 101–102, S. 113 ff. Brigitte Schad (Hrsg.), Kirchners Badende, Einheit von Mensch und Natur, Köln 2021, S. 36 ff. Ausstellungen Basel 1979/1980, Kunstmuseum, Ernst Ludwig Kirchner, Nachzeichnung seines Lebens, Katalog der Sammlung vonWerken von Ernst Ludwig Kirchner im Kirchner-Haus Davos, Kat. Nr. 239. Frankfurt amMain 1999/2000, Galerie Jahrhunderthalle Höchst, Kirchner in König stein, Kat. Nr. 83. Ernst Ludwig Kirchner schuf im Jahr 1916 mit der Ausmalung im Treppenhaus des sogenannten Brunnenturms imSanatoriumDr. Kohn stamm in Königstein im Taunus ein bedeutendes Werk der deutschen expressionistischenWandmalerei. Der Künstler, der sich damals in einer schwierigen finanziellen und gesundheitlichen Situation befand, wurde zwischen Dezember 1915 und Juli 1916 vom Neurologen und Psychi ater Dr. Oscar Kohnstamm behandelt. Während dieses Aufenthalts entstanden mehrere herausragende Werke, darunter das ausdrucks starke Porträt des Gründers und ärztlichen Leiters der seinerzeit inter national renommierten Heilanstalt sowie ein umfangreicher Wand gemäldezyklus für das Treppenhaus, das als Verbindung zwischen dem Hauptgebäude und der tiefergelegenen Wandelhalle dient. Das zent rale Bildmotiv des Zyklus bildeten Badende in den Wellen der Ostsee. Kirchner stellte dabei sowohl sich selbst als auch Künstlerfreunde und weibliche Modelle dar. Sein künstlerisches Anliegen bestand darin, den Menschen in einer harmonischen Einheit mit der Natur zu zeigen. Zugleich spiegelten die Darstellungen die Erinnerung an die für den Künstler prägende und glückliche Zeit auf der Ostseeinsel Fehmarn wider. Das Sanatoriumwurde 1938 unter Druck der Nationalsozialisten als «jüdisches Sanatorium» zwangsweise geschlossen. Die fünf in Seccomalerei ausgeführtenWandgemälde wurden als entartete Kunst diffamiert und unwiederbringlich zerstört. Der vorliegende architekto nische Aufriss der Innenarchitektur des Treppenhauses imBrunnenturm besitzt daher einen aussergewöhnlichen dokumentarischen Wert. Als seltenes Zeugnis bewahrt er die Erinnerung an eines der eindrucks vollsten und bedeutendsten Werke expressionistischer Wandmalerei in Deutschland.
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