Auktion 293: Illustrierte Bücher und Portfolios aus der Sammlung Eberhard W. Kornfeld 10.9.2026
Künstlergruppe «Brücke»: Die Jahresmappen Die Künstlergruppe Brücke wurde 1905 in Dresden von den Archi- tekturstudenten Ernst Ludwig Kirchner, Erich Heckel, Karl Schmidt- Rottluff und Fritz Bleyl gegründet. Ihr Ziel war eine radikale künst- lerische Erneuerung, die als Brücke zwischen Tradition und Zukunft verstanden werden sollte. In bewusster Abkehr von akademischen Konventionen suchten die Künstler nach einem direkten Ausdruck und liessen sich dabei von aussereuropäischer Kunst, mittelalterli- chen Holzschnitten und der Natur inspirieren. Mit der Übersiedlung nach Berlin im Jahr 1911 traten verstärkt Themen des Grossstadtle- bens in den Vordergrund. Die Jahresmappen der Künstlergruppe zählen zu den bedeutends- ten grafischen Publikationen des frühen 20. Jahrhunderts und sind ein zentrales Zeugnis des deutschen Expressionismus. Sie entstan- den zwischen 1906 und 1912 als exklusive Editionen für die passiven Mitglieder der Gruppe, die durch ihre Beiträge die künstlerische Arbeit unterstützten und im Gegenzug jährlich eine sorgfältig gestaltete Mappe mit Originalgrafiken erhielten. Das Konzept der Jahresmappen war sowohl ökonomisch als auch ideologisch geprägt. Es diente der finanziellen Absicherung der Künstler, ermöglichte die Verbreitung ihrer Kunst ausserhalb der Institutionen und stärkte zugleich die Verbindung zwischen Künst- lern und Sammlern. Zu den prägenden Künstlern, die an den Jahresmappen beteiligt waren, gehörten Ernst Ludwig Kirchner, Erich Heckel, Karl Schmidt- Rottluff sowie in der frühen Phase Fritz Bleyl. Später kamen unter anderem Max Pechstein und zeitweise Emil Nolde hinzu. Für sie war die Druckgrafik keinNebenmedium, sondern ein gleichwertiges künstlerisches Ausdrucksfeld. Insbesondere der Holzschnitt ent- wickelte sich zum Markenzeichen der Gruppe, da er mit seiner Direktheit dem Ideal eines unverfälschten Ausdrucks entsprach. Kunsthistorisch markieren die Jahresmappen einen entscheiden- den Schritt hin zu neuen Formen der Kunstverbreitung und bilden ein visuelles Tagebuch der Avantgarde. Sie stehen für die Aufwer- tung der Druckgrafik als eigenständige Kunstform und dokumen- tieren zugleich ein frühes, bewusst gestaltetes Netzwerk zwischen Künstlern und Förderern. Bis zu ihrer Auflösung 1913 entwickelte sich die Brücke zu einer der einflussreichsten Gruppierungen des deutschen Expressionismus, deren Wirkung die moderne Kunst nachhaltig prägte.
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