Auktion 294: Käthe Kollwitz - Meisterwerke aus der Sammlung Gudrun und Martin Fritsch 10.9.2026

Um 1888/1889. Tusche und Bleistift auf Velin. 55,3×43,1 cm. Unten links von der Künstlerin in Bleistift signiert «Käthe Kollwitz». Bezeich- nungenmittig «Aktstudie», unten links «Zeichnung nachmeiner Hand» und rechts «nach Rubens/Selbstbildnis etwa 93». Unten rechts ein kleiner Papierverlust, vereinzelte Reissnagellöcher. Rückseitig Spuren alter Montierungen. In sehr guter Erhaltung. Schätzung CHF 200000 * Werkverzeichnis Otto Nagel/Werner Timm, Käthe Kollwitz, Die Handzeichnungen, Stuttgart 1980, Nr. 26 Provenienz Auktion Galerie Commeter, Hamburg, 26. November 1930, Los 600, wohl dort erworben von Galerie Ackermann & Sauerwein, München Slg. Ingeborg Tremmel, München, versteigert bei Auktion Ketterer Kunst, München, 6. Mai 2003, dort erworben von C.G. Boerner/Artemis Fine Arts, London, dort am 28. Oktober 2003 erworben von Slg. Gudrun und Martin Fritsch, Berlin Literatur Otto Nagel, Die Selbstbildnisse der Käthe Kollwitz, Berlin 1965, Abb. 2 C.G. Boerner, Festgabe für Marianne Küfner zum 3. Oktober 2004, Düsseldorf/Kleve 2004, Kat. Nr. 20, Tafel S. 79 Hommage an Käthe Kollwitz, hrsg. von Martin Fritsch, mit Beiträgen von Annette Seeler und Gudrun Fritsch, Leipzig 2005, S. 30/31 Ausstellungen München 1952, Staatliche Graphische Sammlung, Käthe Kollwitz, Kat. Nr. 2 Bremen 2000, Paula Modersohn-Becker-Museum, Blickwechsel, Käthe Kollwitz, Paula Modersohn-Becker, S. 23 Köln 2010/2011, Käthe Kollwitz Museum, Paris bezauberte mich – Käthe Kollwitz und die französische Moderne, Abb. 27 Regensburg 2013, Kunstforum Ostdeutsche Galerie, Käthe Kollwitz, Akt im Fokus, Kat. Nr. 1 Berlin 2021, Galerie Judin, Enrique Martínez Celaya, Käthe Kollwitz, Von den ersten und letzten Dingen, Kat. Nr. 81 Frankfurt am Main 2024, Städel Museum, Kollwitz, Kat. Nr. 24 Bereits während ihrer Studienzeit entwickelte Käthe Kollwitz ein aus- geprägtes Interesse an erzählerischen und sozial geprägten Bild­ themen. Die Künstlerin, geborene Schmidt, verbrachte ihre Jugend in Königsberg und erhielt ab 1881 ersten Zeichenunterricht bei Rudolf Maurer. Nach demBesuch der Damenakademie des Vereins Berliner Künstlerinnen in den Jahren 1885/86 setzte sie ihre Ausbildung in Königsberg bei Emil Neide fort, bevor sie bis 1890 in München bei Ludwig Herterich studierte. Gerade die Münchner Jahre waren für ihre künstlerische Entwicklung von grosser Bedeutung. In ihrem Tagebuch erinnert sich Kollwitz später an einen Kreis junger Künstlerinnen und Künstler in München, die sich regelmässig trafen, umgemeinsam vorgegebene Themen bildnerisch zu bearbeiten: «Es gab eine Vereinigung, die einige Mädchen unserer Klasse zusam- menführte mit Otto Greiner, Alexander Oppler, Gottlieb Elster. Für diese Abende wurde ein Thema gestellt. So besinne ichmich auf das Thema ‹Kampf›. Ich wählte die Szene aus Germinal [Roman von Émile Zola], wo in dem verrauchten Lokal um die junge Kathrin von zwei Männern gekämpft wird. Diese Komposition wurde anerkannt. Zum ersten Mal fühlte ich mich bestätigt auf meinem Wege, grosse Per­ spektiven öffneten sich meiner Phantasie, und die Nacht war schlaf- los vor Glückserwartung.» Die intensive Auseinandersetzung mit Zolas Roman «Germinal» beschäftigte Kollwitz auch nach ihrer Rückkehr nach Königsberg weiter (vgl. Los 905). 1893 entstand schliesslich auch eine Radierung zum Thema (vgl. Knesebeck 18 und 19). Das vorliegende Skizzenblatt wirkt sehr akademisch. Rechts finden sich Skizzen nach dem Gemälde «Trunkener Silen» nach Peter Paul Rubens, unten links ist ein kleines Selbstbildnis mit aufgestützemKopf dargestellt. Oben links sind Kompositionsstudien zur Figur der Kathrin aus «Germinal» zu sehen. In ihrer Schrift «Rückblick auf frühere Zeit» schrieb Kollwitz: «Und nun sah ich in der Pinakothek die Meister, von denen vor allem einer auf mich wirkte, aber für Jahre entscheidend: Rubens. Hingerissen hat mich Rubens.» Ein frühes, mit drei Themenkreisen sehr reich bearbeitetes Blatt, das schon die ganze Kraft zeigt, die die Künstlerin in ihrem Œuvre ent­ wickeln wird und die sie später zu einer der bedeutendsten Künstle- rinnen der Moderne werden liess. Dieses frühe Studienblatt (1880–1891) mit Skizzen nach Rubens und einem versteckten Selbstbildnis war der jungen Künstlerin sowichtig, dass es nicht verkauft werden sollte. So berichtete Jutta Bohnke- Kollwitz bei dessen Erwerb für die Sammlung. Die Arbeit zeigt bereits deutlich den Einfluss der altenMeister, der die Künstlerin ihr Leben lang prägen sollte. Die damals 15-jährige Kollwitz hatte während eines kurzen Aufenthalts inMünchen in der Pinakothek ihre Werke für sich entdeckt, als die Familie vor der Erholungsreise der Mutter ins Engadin dort Halt gemacht hatte. Im vorliegenden Blatt zeugen vor allemdie Detailstudien nach Rubens’ «Der trunkene Silen» (1618–1625) sowie ein weiblicher Akt von Kollwitz’ Bewunderung für den Meister. Unten mittig ist Kollwitz selbst zu sehen: entspannt und tatendurs- tig. Die Darstellung ist ganz linear und ähnelt den Radierungen Rembrandts, mit dem sie wegen der Vielzahl ihrer Selbstbildnisse gern verglichen wird. Im Laufe ihrer künstlerischen Karriere schuf Kollwitz über hundert Selbstporträts – gezeichnet, radiert, als monochrome Holzschnitte gedruckt oder farblich experimentell lithografiert. So kommt sie Rembrandt am nächsten und wird zu Recht «weiblicher Rembrandt» genannt. Wertschätzend aber auch immer meisterlich, manchmal altmeisterlich wie Rubens. Gudrun Fritsch, 2026 904 Käthe Kollwitz Königsberg 1867–1945 Moritzburg Studienblatt mit Skizzen nach Rubens und Selbstbildnis sowie zwei Aktzeichnungen nach demselben Modell Detail

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