Auktion 294: Käthe Kollwitz - Meisterwerke aus der Sammlung Gudrun und Martin Fritsch 10.9.2026

Um 1892–1894. Kohle, schwarze und gelbe Kreide auf braunem Tonpapier. 46,6×35,9 cm. Unten rechts von der Künstlerin in Blei- stift signiert «Käthe Kollwitz». Vereinzelte Reissnagellöcher. Das Papier leicht gebräunt. Rückseitig mit alten Montierungsresten. In sehr schöner Erhaltung. Schätzung CHF 300000 * Werkverzeichnis Otto Nagel/Werner Timm, Käthe Kollwitz, Die Handzeichnungen, Stuttgart 1980, Nr. 98 Provenienz William Schab, New York, 1961 verkauft an Galerie St. Etienne, New York, 1976 verkauft an Galerie Michael Pabst, München Galerie Rosenbach, Hannover Auktion Galerie Wolfgang Ketterer, München, 23. Mai 1977, Los 1096 Auktion Hauswedell & Nolte, Hamburg, 2. Juni 1978, Los 740, dort erworben von Galerie Refugium, Walter Koch, Hannover, dort 1980 erworben von Slg. Gudrun und Martin Fritsch, Berlin Literatur Käthe Kollwitz, Zeichnung, Grafik, Plastik, Bestandskatalog des Käthe-Kollwitz-Museums Berlin, hrsg. vonMartin Fritsch, bearbei- tet von Annette Seeler, mit Beiträgen von Annette Seeler undWer- ner Timm, Leipzig 1999, Kat. Nr. 7 Hommage an Käthe Kollwitz, hrsg. vonMartin Fritsch, mit Beiträgen von Annette Seeler und Gudrun Fritsch, Leipzig 2005, S. 38/39 Robert Gore Rifkind and German Expressionism, hrsg. von Stephanie Barron und Timothy O. Benson, Los Angeles 2021, S. 60 Ausstellungen New York 1961, Galerie St. Etienne, Kat. Nr. 12 Berlin 1987, Elefanten Press Galerie, Käthe Kollwitz, Das farbige Werk, Kat. Nr. 10 Hannover/Regensburg 1990, Wilhelm-Busch-Museum/Kunstforum Ostdeutsche Galerie, Käthe Kollwitz, Druckgraphik, Handzeich- nungen, Plastik, Kat. Nr. 95 Wolfsburg 1992, Kunstverein, Käthe Kollwitz, Meisterwerke aus dem Käthe-Kollwitz-Museum Berlin, Zeichnungen, Grafik, Bronzen, Abb. 20 Washington D.C. 1992, National Gallery of Art, Käthe Kollwitz, deut- sche Ausgabe Katalog, 1993, S. 47 Rotterdam 1995, Chabot Museum, Käthe Kollwitz, Tekeningen, grafiek, sculpturen, Kat. Nr. 20 Wiesloch 1995, Kunstkreis Südliche Bergstrasse-Kraichgau e. V., Kulturhaus, Käthe Kollwitz, Meisterwerke aus demKäthe-Kollwitz- Museum Berlin, S. 54 Köln 1995, Käthe Kollwitz Museum, Käthe Kollwitz, Meisterwerke der Zeichnung, Abb. 56 Ibaraki/Niigata/Himeji/Kumamoto/Machida 2005/2006, Tsukuba Museum of Art/Prefectural Museum of Modern Art/City Museum of Art/Prefectural Museum of Art/City Museum of Graphic Arts, Käthe Kollwitz, Kat. Nr. 6 Köln 2010/2011, Käthe Kollwitz Museum, Paris bezauberte mich – Käthe Kollwitz und die französische Moderne, Abb. 90 Berlin 2017, Galerie Parterre, Käthe Kollwitz und Berlin, S. 84 Berlin 2021, Galerie Judin, EnriqueMartínez Celaya, Käthe Kollwitz, Von den ersten und letzten Dingen, Kat. Nr. 74 Die zwischen 1892 und 1894 entstandene Arbeit «Frau auf dem Balkon, Selbstbildnis» gehört zu den poetischsten frühen Werken von Käthe Kollwitz. Das Blatt entstand in einer entscheidenden Umbruchphase ihres Lebens. 1891 hatte sie den Arzt Karl Kollwitz geheiratet, ein Jahr später wurde ihr erster Sohn Hans geboren. Während ihr Ehemann im Berliner Prenzlauer Berg, nahe dem Wörther Platz, seine Arztpraxis führte, stand Käthe Kollwitz vor der Herausforderung, ihre eigene Rolle zwischen Ehe, Mutterschaft und künstlerischem Anspruch zu finden. Die Darstellung zeigt die Künstlerin auf einemBalkon in nächtlicher Atmosphäre. ImHintergrund zeichnen sich die Häuser rund umden Wörther Platz ab, deren Fenster und Lichtpunkte subtil in feinen gelblichen Höhungen aufscheinen. Gerade diese Lichtführung verleiht dem Blatt eine aussergewöhnlich stille und beinahe träu- merische Stimmung. Noch stehen die frühen 1890er Jahre im Zei- chen einer romantisch-poetischen Bildauffassung, die sich von der späteren existenziellen Schärfe ihres Werkes unterscheidet. Die Figur wirkt nachdenklich und in sich gekehrt. Auch die gleich- zeitig entstehenden Radierungen zeigen diese Phase intensiver Suche. Die Arbeiten besitzen eine sinnliche und melancholische Atmosphäre, während sich zugleich bereits eine stärkere soziale und künstlerische Zielrichtung abzeichnet. Im Hintergrund reift zu dieser Zeit der Plan zum Zyklus «Ein Weberaufstand», mit dem Kollwitz wenige Jahre später schlagartig Bekanntheit erlangenwird. «Frau auf dem Balkon, Selbstbildnis» vermittelt nicht nur ein per- sönliches Stimmungsbild, sondernmarkiert einen entscheidenden Moment künstlerischer Selbstfindung. Noch ist vieles offen und tastend, man spürt jedoch bereits jene innere Kraft und Entschlos- senheit, die Käthe Kollwitz später zu einer der bedeutendsten Künstlerinnen der Moderne werden lassen sollte. 906 Käthe Kollwitz Königsberg 1867–1945 Moritzburg Frau auf dem Balkon, Selbstbildnis

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