Auktion 294: Käthe Kollwitz - Meisterwerke aus der Sammlung Gudrun und Martin Fritsch 10.9.2026

Um 1900. Tusche und Aquarell auf Bütten Richard de Bas. 56,8×43,9 cm. Unten rechts von der Künstlerin in Bleistift signiert und bezeichnet «Käthe Kollwitz / zu «das Leben»». Papierrand unregelmässig. Rückseitig Spuren alter Montierungen. Minimer Lichtrand. Farbfrisch und in sehr guter Erhaltung. Schätzung CHF 600000 * Werkverzeichnis Otto Nagel/Werner Timm, Käthe Kollwitz, Die Handzeichnungen, Stuttgart 1980, Nr. 165 Provenienz Slg. Alexander von der Becke, München Alice Adam, Chicago Slg. David S. und Cheryl C. Tartakoff, Oak Park Prof. David Tartakoff, Oak Park, versteigert bei AuktionGalerie Kornfeld, Bern, 19. Juni 2015, Los 101, dort erworben von Slg. Gudrun und Martin Fritsch, Berlin Literatur Otto Nagel, Die Selbstbildnisse der Käthe Kollwitz, Berlin 1965, Tafel 22 Brigitte Birnbaum, Tintarolo, Berlin o. J. [1977], S. 16 Ausstellungen München 1967, Verlag A. von der Becke und Sohn, Käthe Kollwitz, Handzeichnungen und graphische Seltenheiten. Eine Ausstellung zum 100. Geburtstag, Kat. Nr. 8 Stuttgart 1967, Staatsgalerie, Graphische Sammlung, Die Zeich­ nerin Käthe Kollwitz, Ausstellung zum 100. Geburtstag, Kat. Nr. 18 Chicago 1985, Alice AdamLtd., NewAcquisitions, GermanMaster Prints and Drawings, Kat. Nr. 13 Berlin 1987, Elefanten Press Galerie, Käthe Kollwitz, Das farbige Werk, Kat. Nr. 12 Washington D.C. 1992, National Gallery of Art, Käthe Kollwitz, deut- sche Ausgabe Katalog, 1993, S. 110 Berlin 2021, Galerie Judin, EnriqueMartínez Celaya, Käthe Kollwitz, Von den ersten und letzten Dingen, Kat. Nr. 67 Das farbige Selbstbildnis am Fenster nimmt eine besondere Stel- lung im Schaffen von Käthe Kollwitz ein. Während die Künstlerin heute vor allem für ihre eindringlichen schwarz-weissen Radierun- gen, Lithografien und Holzschnitte bekannt ist, offenbart dieses Werk eine seltene Auseinandersetzung mit Farbe und atmosphä- rischer Lichtwirkung. Gerade dadurch gewinnt das Blatt eine stille Intensität, die sich deutlich von der oft existenziellen Dramatik ihrer bekannteren Selbstbildnisse unterscheidet. Entstanden ist die Arbeit vermutlich um 1900, vielleicht um 1903/04, einer Phase künstlerischer Neuorientierung, in der sich Kollwitz verstärkt mit Fragen von Licht, Volumen und plastischer Wirkung auseinandersetzt. In diesen Jahren experimentiert sie intensiv mit farbiger Lithografie und entwickelt ein wachsendes Interesse an skulpturaler Gestaltung. Während eines Aufenthaltes in Paris besucht sie 1904 die renommierte Académie Julian, wo sie sichmit den Grundlagen der Plastik beschäftigt. Gerade die sensible Modellierung des Gesichts und die körperhafte Präsenz der Figur lassen diese Beschäftigung deutlich erkennen. Das Motiv des Selbstbildnisses begleitet Kollwitz während ihres gesamten künstlerischen Lebens. Kaum eine andere Künstlerin ihrer Zeit hat das eigene Gesicht mit vergleichbarer Konsequenz als Ort der Selbstbefragung genutzt. In zahlreichen Zeichnungen, Druckgrafiken und sogar plastischen Arbeiten untersucht sie Alter, Müdigkeit, Zweifel und innere Spannung. Das «Selbstbildnis am Fenster» zeigt eine ungewöhnlich zurück- haltende und kontemplative Seite. Die Künstlerin erscheint nicht als leidende oder kämpferische Figur, sondern in einem Moment stiller Konzentration und innerer Sammlung. Das Fenster, angedeu- tet mit dem zur Seite geschobenen Vorhang, übernimmt dabei eine symbolische Funktion. Es trennt Innen- und Aussenraum und ver- weist zugleich auf das Verhältnis zwischen persönlicher Erfahrung und Weltbeobachtung. Das einfallende Licht modelliert das Profil weich und erzeugt subtile Übergänge zwischen Figur und Umge- bung. Anders als in ihren grafischen Arbeiten, die häufig stark von Hell-Dunkel-Kontrasten geprägt sind, arbeitet Kollwitz hier mit zurückgenommenen Farbtönen und fein abgestuften Übergängen. Die Farbigkeit bleibt gedämpft und dient weniger dekorativen Zwe- cken als der emotionalen Verdichtung des Bildraums. Kunsthistorisch steht das Werk an der Schnittstelle zwischen rea- listischer Beobachtung und psychologischer Verdichtung. Obwohl Kollwitz dem Expressionismus nahestand, bewahrte sie stets eine starke Bindung an diemenschliche Figur und an die genaue Beob- achtung innerer Zustände. Im «Selbstbildnis amFenster» verbindet sich diese psychologische Präzisionmit einer bemerkenswert sen- siblen Lichtbehandlung. Gerade die Reduktion äusserer Effekte verleiht dem Bild seine nachhaltige Wirkung. Das Werk gehört zu jenen seltenen Selbstbildnissen, in denen Kollwitz nicht primär die Härte des Daseins thematisiert, sondern einen stillen, beinahemeditativenMoment sichtbar macht. Dadurch zählt es zu den poetischsten und zugleich persönlichsten Darstel- lungen innerhalb ihres gesamten Œuvres. 907 Käthe Kollwitz Königsberg 1867–1945 Moritzburg Selbstbildnis am Fenster

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