Auktion 294: Käthe Kollwitz - Meisterwerke aus der Sammlung Gudrun und Martin Fritsch 10.9.2026

Vor 1896 oder 1896. Tusche, Aquarell und Bleistift auf festem Büt- ten. 22,5×17 cm. Unten rechts von der Künstlerin in Bleistift signiert und datiert «Käthe Kollwitz/ 98(?)» und oben in der Mitte bezeich- net «AUS VIELEN WUNDEN BLUTEST /DU O VOLK». Links und unten unregelmässiger Blattrand, in der unteren Ecke links ein Papierstück angeklebt. Im Blatt zwei Falten. Rückseitig mit Spuren alter Montierungen. In sehr guter Erhaltung. Schätzung CHF 175000 * Werkverzeichnis Otto Nagel/Werner Timm, Käthe Kollwitz, Die Handzeichnungen, Stuttgart 1980, Nachtrag S. 452, Nr. 123/a Provenienz Slg. Eberhard W. Kornfeld, Bern, versteigert bei Auktion Galerie Kornfeld, Bern, 20. Juni 1997, Los 74, dort erworben von Slg. Gudrun und Martin Fritsch, Berlin Literatur Werner Timm, Zeichnungen von Käthe Kollwitz, 10 neue Funde, in: Dialog 75, Berlin 1975, S. 226 Ulrich Pfeiffer, Opfer und Tod im Werk von Käthe Kollwitz, Zur Bedeutung der Radierung «Aus vielenWunden blutest Du, o Volk», Dissertation Carl-von-Ossietzky-Universität, Oldenburg 1996, Abb. 49 Käthe Kollwitz, Zeichnung, Grafik, Plastik, Bestandskatalog des Käthe-Kollwitz-Museums Berlin, hrsg. vonMartin Fritsch, bearbei- tet von Annette Seeler, mit Beiträgen von Annette Seeler und Werner Timm, Leipzig 1999, Kat. Nr. 23 Hommage an Käthe Kollwitz, hrsg. vonMartin Fritsch, mit Beiträgen von Annette Seeler und Gudrun Fritsch, Leipzig 2005, S. 48/49 Ausstellungen Bern 1989, Kunstmuseum Bern, Von Goya bis Tinguely, Aquarelle und Zeichnungen aus einer Privatsammlung [Slg. EberhardW. Korn- feld], Kat. Nr. 93 Gingins/Vevey 1994, Fondation Neumann/Musée Jenisch, Cabinet cantonal des estampes, Käthe Kollwitz, Dessins, gravures, sculp- tures, Kat. Nr. 19 Bremen 2000, Paula Modersohn-Becker-Museum, Blickwechsel, Käthe Kollwitz, Paula Modersohn-Becker, Kat. Nr. 54 Regensburg 2013, KunstforumOstdeutscheGalerie, Käthe Kollwitz, Akt im Fokus, Kat. Nr. 10 Berlin 2014, Käthe-Kollwitz-Museum Berlin, Mahnung und Verlo- ckung, S. 103 Berlin 2021, Galerie Judin, EnriqueMartínez Celaya, Käthe Kollwitz, Von den ersten und letzten Dingen, Kat. Nr. 75 Einen entscheidenden Impuls für ihr frühes künstlerisches Schaf- fen erhielt Käthe Kollwitz im Februar 1893 in Berlin durch die Auf- führung von Gerhart Hauptmanns Drama «Die Weber» in einer geschlossenen Vorstellung des Theatervereins «Freie Bühne». Das Stück im damaligen Neuen Theater, dem heutigen Theater am Schiffbauerdamm, löste unter den Zuschauern aussergewöhnliche Reaktionen aus. Gleichzeitig führte dasWerk aufgrund seiner sozi- alen Brisanz zu heftigen Kontroversen. Staatliche Stellen betrach- teten das Drama als politisch gefährlich und als möglichen Angriff auf die bestehende Gesellschaftsordnung. Noch im selben Jahr begann Kollwitz mit der Arbeit an ihremZyklus «Ein Weberaufstand» und gab dafür ihre zuvor geplante Folge zu Émile Zolas Roman «Germinal» auf (vgl. Los 905). Dabei inter­ essierte sie sich jedoch weniger für eine direkte Illustration des Dramas oder eine historische Rekonstruktion des schlesischen Weberaufstands von 1844, sondern übertrug das Thema bewusst in ihre eigene Gegenwart. Die Figuren erscheinen nicht in histori- scher Tracht, sondern in der Kleidungmoderner Arbeiter, wodurch die soziale Aktualität des Themas unmittelbar sichtbar wird. Kollwitz’ Zyklus wurde von konservativen Kreisen denn auch als politisch provokativ wahrgenommen. Besonders deutlich zeigte sich dies 1898, als Kaiser Wilhelm II. ihr trotz breiter Anerkennung für den Weberzyklus die vorgesehene Medaille der Grossen Ber- liner Kunstausstellung verweigerte. Der künstlerische Erfolg der Folge liess sich dadurch jedoch nicht aufhalten; der Zyklus machte Kollwitz schlagartig bekannt. Ursprünglich plante die Künstlerin die gesamte Folge als Radie- rungszyklus. Aus technischen Gründen entschied sie sich später jedoch, die ersten drei Blätter lithografisch auszuführen, während die abschliessenden Darstellungen als Radierungen entstanden. Inhaltlich entwickelt der Zyklus eine dramatische Steigerung: Die frühen Blätter thematisieren Not und Ursachen des Aufstands, darauf folgen Vorbereitung, Ausbruch und schliesslich Scheitern der Revolte. Noch Jahrzehnte später betrachtete Kollwitz den Weberzyklus als ihr bekanntestes Werk. Tatsächlich markierte die Folge den ent- scheidenden Durchbruch der Künstlerin und begründete ihren Ruf als eine der bedeutendsten sozial engagierten Künstlerinnen der Moderne. Die vorliegende Zeichnung ist eine wunderbare Vorarbeit für das später verworfene Schlussblatt der Folge mit demselben Titel (vgl. Knesebeck 32). Es zeigt die rechte Figur der Darstellung, eine ange- kettete, nackte Frau. Darüber schrieb die Künstlerin den Titel in Grossbuchstaben – wie sie es schliesslich auch in der Radierung machte. Das Blatt ist eine ungemein detailreich ausgearbeitete Studie, die Figurendarstellung wirkt plastisch-skulptural. 908 Käthe Kollwitz Königsberg 1867–1945 Moritzburg Aktstudie zur Radierung «Aus vielen Wunden blutest Du, o Volk»

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