Auktion 294: Käthe Kollwitz - Meisterwerke aus der Sammlung Gudrun und Martin Fritsch 10.9.2026
1899. Farbradierung, überarbeitet mit Bleistift, Tusche und orangener Kreide auf orange-rosafarbenem, dünnem Velin. 28×30 cm, Blattgrösse. Mit verein- zelten Reissnagellöchern. Rückseitig Spuren alter Montierungen. In sehr guter Erhaltung. Schätzung CHF 70000 * Werkverzeichnis Alexandra von dem Knesebeck, Käthe Kollwitz, Werkverzeichnis der Graphik, Bern 2002, Bd. 1, Nr. 46/II (v. IX), dort erwähntes Exemplar Provenienz Slg. Helga Griesebach, Düsseldorf Oberkassel, versteigert bei Auktion Stuttgarter Kunstkabinett, 9. November 1951, Los 1670, dort erworben von Slg. Ring Galerie Ackermann & Sauerwein, München Slg. Ingeborg Tremmel, München, versteigert bei Auktion Ketterer Kunst, München, 6. Mai 2003, Los 565, dort erworben von Artemis Fine Arts, London, dort am 28. Oktober 2003 erworben von Slg. Gudrun und Martin Fritsch, Berlin Literatur Hommage an Käthe Kollwitz, hrsg. vonMartin Fritsch, mit Beiträgen von Annette Seeler und Gudrun Fritsch, Leipzig 2005, S. 60/61 Ausstellungen Berlin 2014, Käthe-Kollwitz-Museum, Mahnung und Verlockung, S. 86 Berlin 2021, Galerie Judin, Enrique Martínez Celaya, Käthe Kollwitz, Von den ersten und letzten Dingen, Kat. Nr. 79 Mit der Radierung «Aufruhr» beginnt Käthe Kollwitz ihre intensive künstlerische Beschäftigung mit dem Thema des Bauernkriegs. Max Lehrs schrieb 1903 in «Die Graphischen Künste»: «1899 stellt die Künstlerin bei der Sezession, der sie sich angeschlossen hatte, eine neue Radierung aus: ‹Bauernkrieg›. Es ist ein wilder Haufen wütender Bauern, die, zum äussersten entschlossen, mit Sensen und Äxten hinter der Bundschuhfahne einherstürmen. Über ihnen schwebt, sie anfeuernd, die Rachegöttinmit der Brandfackel, und eine zerstörte, brennende Burg bezeichnet ihren Weg.» Das vorliegende Blatt entstand noch vor dem zwischen 1901 und 1908 ausgeführten grossen Bauernkriegszyklus und trug ursprünglich selbst den Titel «Bauernkrieg», bevor es später in «Auf- ruhr» umbenannt wurde. Im Zentrum der Komposition steht die aufgebrachte Bauernmenge, die sich mit entschlossenen Gesten zum Angriff formiert. Arbeitsgeräte werden zu Waffen umfunktioniert und unterstreichen den improvisierten Charakter des Aufstands. Einzelne Gesichter treten aus der Masse hervor; ihre Züge spiegeln Wut, Verzweiflung und fanatische Entschlossenheit wider. Kollwitz interessiert sich dabei nicht allein für das historische Ereignis des 16. Jahrhunderts. Vielmehr nutzt sie den Bauernkrieg als Gleichnis für soziale Konflikte ihrer eigenen Zeit. Wie zeitgenössische sozialistische Denker um August Bebel oder Friedrich Engels interpretiert sie die historischen Aufstände als Ausdruck fortdauernder gesellschaftlicher Spannungen. Das Blatt wird dadurch zugleich historische Szene undmodernes Sinnbild kollektivenWider- stands. «Nachdem ich das kleine Blatt mit der darüberfliegenden Frau [Aufruhr] gemacht hatte, beschäftigtemich dasselbe Thema noch länger und ich hoffte, es einmal so darstellen zu können, dass ich damit fertig wäre.», schrieb sie ins Tagebuch. «Aufruhr» markiert damit einen entscheidenden Schritt auf dem Weg zu ihrem grossen Bauernkriegszyklus, für den sie 1907 als erste Frau und Grafikerin den vonMax Klinger begründeten Villa-Romana-Preis erhielt – noch bevor der Zyklus fertiggestellt war. Das von der Künstlerin überarbeitete Exem- plar ist eine Rarität. 909 Käthe Kollwitz Königsberg 1867–1945 Moritzburg Aufruhr
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