Auktion 294: Käthe Kollwitz - Meisterwerke aus der Sammlung Gudrun und Martin Fritsch 10.9.2026
1903. Kohle, schwarze und gelbe Kreide auf ockerfarbenemKarton. 48,8×69,6 cm. Unten rechts von der Künstlerin in Bleistift signiert «Käthe Kollwitz». Ecke oben links alt restauriert. Imäussersten Rand z.T. alte Bestossungen. Der Karton minim gebräunt, im Blattrand und rückseitig Spuren alter Montierungen. In sehr guter Erhaltung. Schätzung CHF 400000 * Werkverzeichnis Otto Nagel/Werner Timm, Käthe Kollwitz, Die Handzeichnungen, Stuttgart 1980, Nr. 231 Provenienz Slg. Walter Wolf, Stuttgart und New York, 1955 verkauft an Galerie St. Etienne, New York, 1956 verkauft an Slg. Lester Jay New, Beverly Hills, 1981 verkauft an Galerie St. Etienne, New York, dort 1980 erworben von Slg. Gudrun und Martin Fritsch, Berlin Literatur Anna L. Plehn, Die neuen Radierungen von Käthe Kollwitz, in: Die Frau, Monatszeitschrift für das gesamte Frauenleben unserer Zeit, 11, 1903/04, Heft 4, Januar 1904, vgl. S. 235 Herbert Bittner, Kaethe Kollwitz, Drawings, NewYork/London 1959, Abb. 20 RaymondG. Dobard, Subject-Matter in theWork of Käthe Kollwitz, An Investigation of Death Motifs in Relation to Traditional Icono- graphic Patterns, Dissertation, The John Hopkins University, Balti- more 1975, Abb. 43 Museen in Berlin. Ein Führer durch 68 Museen und Sammlungen, München 1987, S. 137 Tom Fecht, Käthe Kollwitz, Das farbige Werk, Berlin 1987, Abb. 108 Käthe Kollwitz, Zeichnung, Grafik, Plastik, Bestandskatalog des Käthe-Kollwitz-MuseumBerlin, hrsg. vonMartin Fritsch, bearbeitet von Annette Seeler, mit Beiträgen von Annette Seeler und Werner Timm, Leipzig 1999, Kat. Nr. 42 Hommage an Käthe Kollwitz, hrsg. vonMartin Fritsch, mit Beiträgen von Annette Seeler und Gudrun Fritsch, Leipzig 2005, S. 62/63 Ausstellungen Höchst 1985, Jahrhunderthalle, Käthe Kollwitz, Zeichnungen, Druckgrafik, Skulpturen aus dem Bestand der Galerie Pels-Leusden, Berlin, und anderer Sammlungen, Kat. Nr. 6 Berlin 1995, Käthe Kollwitz Museum, Käthe Kollwitz, Schmerz und Schuld, Kat. Nr. 64 Wiesloch 1995, Kunstkreis Südliche Bergstrasse-Kraichgau e. V., Kulturhaus, Käthe Kollwitz, Meisterwerke aus demKäthe-Kollwitz- Museum Berlin, S. 78 Ibaraki/Niigata/Himeji/Kumamoto/Machida 2005/2006, Tsukuba Museum of Art/Prefectural Museum of Modern Art/City Museum of Art/Prefectural Museum of Art/City Museum of Graphic Arts, Käthe Kollwitz, Kat. Nr. 44 Güstrow 2007, Ernst Barlach Stiftung, Käthe Kollwitz, Zeichnun- gen, Lithographien, Holzschnitte, Radierungen, Plastiken, Zum 140. Geburtstag von Käthe Kollwitz, Kat. Nr. 6 Berlin/Passau 2011, Käthe-Kollwitz-Museum/Museum Moderner Kunst Wörlen, Käthe Kollwitz, Bildhauerin aus Leidenschaft, S. 66 Berlin 2014, Käthe-Kollwitz-Museum, Mahnung und Verlockung, S. 80 Bis 2014 als Dauerleihgabe im Käthe-Kollwitz-Museum Berlin Berlin 2021, Galerie Judin, EnriqueMartínez Celaya, Käthe Kollwitz, Von den ersten und letzten Dingen, Kat. Nr. 96 Das Thema «Fraumit totemKind» reiht sich in eine Serie von Blättern ein, die Käthe Kollwitz im Zusammenhang mit den Arbeiten zum Zyklus «Bauernkrieg» entwickelte. Anna L. Plehn hat in ihrem 1903 erschienenen Artikel darauf hingewiesen, dass das Thema als zweite, verworfene Fassung des sechsten Blattes des Bauernkrie- ges vorgesehen war. Eindrucksvoll hat Kollwitz das Thema denn auch in der mehrfarbigen Lithografie «Pietà» verarbeitet (Knese- beck 77). Pietà (Mitleid) ist die Bezeichnung für die ab dem frühen 14. Jahrhundert in der christlichen Ikonografie gebräuchliche Dar- stellung Marias als Mater Dolorosa (Schmerzensmutter) mit dem Leichnam ihres Sohnes Jesus Christus auf demSchoss. Es erstaunt nicht, dass Käthe Kollwitz, die in mehreren Werken den tragischen Tod eines Kindes thematisiert, dieses starke Symbol der trauern- den, über den toten Leib gebeugtenMutter künstlerisch umsetzen wollte. Thematisch hätte dasMotiv gut in den Zyklus «Bauernkrieg» gepasst, doch Kollwitz wählte stattdessen «Schlachtfeld» für die Edition aus (vgl. Los 913). Neben der Lithografie «Pietà» entstanden im selben Jahr die Tiefdrucke «Mutter und toter Sohn» (Knesebeck 78) und «Frau mit totem Kind» (Knesebeck 81) zum selben Thema. DasMotiv der Pietà nimmt imWerk von Käthe Kollwitz eine zentrale Stellung ein. Immer wieder setzt sie sich mit der Darstellung der trauerndenMutter auseinander, die den leblosen Körper ihres Kin- des hält. Anders als in der christlichen Tradition, in der die Pietà vor allem religiöse Erlösung symbolisiert, verwandelt Kollwitz dasMotiv in ein zeitloses Bildmenschlichen Leidens und existenzieller Trauer. Die Figuren erscheinen eng ineinander verschränkt, häufig fast zu einer einzigen Form verdichtet. Gerade diese Reduktion verleiht den Arbeiten ihre aussergewöhnliche Intensität. Kollwitz schrieb in den Jahren 1924/1925 in einem Brief an Arthur Bonus: «Als er [Peter] sieben Jahre alt war und ich die Radierung machte, die Frau mit dem toten Kinde, zeichnete ich mich selbst ihn im Arm haltend im Spiegel. Das war sehr anstrengend, und ich musste stöhnen. Da sagte sein Kinderstimmchen tröstend: Sei man still, Mutter, es wird auch sehr schön.» Es gelingt der Künstlerin, individuelles Leid in eine universelle Bildsprache zu überführen. Die Pietà wird bei ihr nicht nur zum Ausdruck persönlicher Trauer, sondern zugleich zu einem eindringlichen Sinnbild gegen Krieg, Verlust und menschliche Verletzlichkeit. Das vorliegende Blatt gehört mit seiner reduzierten, kraftvoll umgesetzten Bildanlage wohl zu den eindrücklichsten Zeichnungen der Künstlerin. 910 Käthe Kollwitz Königsberg 1867–1945 Moritzburg Frau mit totem Kind
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