Auktion 294: Käthe Kollwitz - Meisterwerke aus der Sammlung Gudrun und Martin Fritsch 10.9.2026
1903. Schwarze, weisse und gelbe Kreide, teilweise gewischt, und grau-violettesAquarell auf grünlichemZeichenkarton. 32,9×34,7cm. Unten rechts von der Künstlerin in Bleistift signiert «Käthe Kollwitz». Vereinzelte Reissnagellöcher. Rand unregelmässig, rückseitig Spu- ren alter Montierungen. In tadelloser Erhaltung. Schätzung CHF 350000 * Werkverzeichnis Otto Nagel/Werner Timm, Käthe Kollwitz, Die Handzeichnungen, Stuttgart 1980, Nr. 240 Provenienz Auktion Karl & Faber, München, April 1925, Los 123 Slg. Walter Wolf, Stuttgart und New York, 1955 verkauft an Galerie St. Etienne, New York, 1956 verkauft an Slg. Walter Bareiss, Connecticut, 1960 verkauft an Galerie St. Etienne, New York, 1961 verkauft an Slg. Norman Granz, Beverly Hills, 1965 verkauft an Galerie St. Etienne, New York, versteigert bei Auktion Hauswedell & Nolte, Hamburg, 6. Juni 1975, Los 1021, dort erworben von Galerie Bollag, Zürich/Luzern, dort 1995 erworben von Slg. Gudrun und Martin Fritsch, Berlin Literatur Anna L. Plehn, Die neuen Radierungen von Käthe Kollwitz, in: Die Frau, Monatszeitschrift für das gesamte Frauenleben unserer Zeit, 11, 1903/04, Heft 4, Januar 1904, vgl. S. 235 Herbert Bittner, Kaethe Kollwitz, Drawings, NewYork/London 1959, Abb. 21 RaymondG. Dobard, Subject-Matter in theWork of Käthe Kollwitz, An Investigation of Death Motifs in Relation to Traditional Icono- graphic Patterns, Dissertation, The John Hopkins University, Balti- more 1975, Abb. 43 Käthe Kollwitz, Zeichnung, Grafik, Plastik, Bestandskatalog des Käthe-Kollwitz-MuseumBerlin, hrsg. vonMartin Fritsch, bearbeitet von Annette Seeler, mit Beiträgen von Annette Seeler und Werner Timm, Leipzig 1999, Kat. Nr. 43 und Titelabb. Hommage an Käthe Kollwitz, hrsg. vonMartin Fritsch, mit Beiträgen von Annette Seeler und Gudrun Fritsch, Leipzig 2005, S. 64/65 Ausstellungen New York 1961, Galerie St. Etienne, Kaethe Kollwitz, Sketches and finished Work, Drawings, Rare Prints, Kat. Nr. 9 Gingins/Vevey 1994, Fondation Neumann/Musée Jenisch, Cabinet cantonal des estampes, Käthe Kollwitz, Dessins, gravures, sculp- tures, Kat. Nr. 32 Rotterdam 1995, Chabot Museum, Käthe Kollwitz, Tekeningen, grafiek, sculpturen, Kat. Nr. 41 Bremen 2000, Paula Modersohn-Becker-Museum, Blickwechsel, Käthe Kollwitz, Paula Modersohn-Becker, Kat. Nr. 96 Ibaraki/Niigata/Himeji/Kumamoto/Machida 2005/2006, Tsukuba Museum of Art/Prefectural Museum of Modern Art/City Museum of Art/Prefectural Museum of Art/City Museum of Graphic Arts, Käthe Kollwitz, Kat. Nr. 45 Güstrow 2007, Ernst Barlach Stiftung Güstrow, Käthe Kollwitz, Zeichnungen, Lithographien, Holzschnitte, Radierungen, Plastiken, Zum 140. Geburtstag von Käthe Kollwitz, Kat. Nr. 7 Berlin/Passau 2011, Käthe-Kollwitz-Museum/Museum Moderner Kunst Wörlen, Käthe Kollwitz, Bildhauerin aus Leidenschaft, S. 68 Vic-sur-Seille 2012, Musée départemental Georges de La Tour, Käthe Kollwitz, La vérité des sens, Kat. Nr. 32 Berlin 2014, Käthe-Kollwitz-Museum, Mahnung und Verlockung, S. 81 Bis 2014 als Dauerleihgabe im Käthe-Kollwitz-Museum Berlin Berlin 2021, Galerie Judin, EnriqueMartínez Celaya, Käthe Kollwitz, Von den ersten und letzten Dingen, Kat. Nr. 97 Zürich/Bielefeld 2023/2024, Kunsthaus/Kunsthalle, Käthe Kollwitz, Stellung beziehen, Kat. Nr. 70 Das Thema «Fraumit totemKind» reiht sich in eine Serie von Blättern ein, die Käthe Kollwitz in Zusammenhang mit den Arbeiten zum Zyklus Bauernkrieg entwickelte. Anna L. Plehn hat in ihrem 1903 erschienenen Artikel darauf hingewiesen, dass das Thema als «zweite», verworfene Fassung des sechsten Blattes des Bauern- krieges vorgesehenwar. Eindrucksvoll hat Kollwitz das Thema denn auch in der mehrfarbigen Lithografie «Pietà» verarbeitet (Knese- beck 77). Pietà (Mitleid) ist die Bezeichnung für die ab dem frühen 14. Jahrhundert in der christlichen Ikonografie gebräuchliche Dar- stellung Marias als Mater Dolorosa (Schmerzensmutter) mit dem Leichnam ihres Sohnes Jesus Christus auf demSchoss. Es erstaunt nicht, dass Käthe Kollwitz, die in mehreren Werken den tragischen Kindstod thematisiert, dieses starke Symbol der trauernden, über den toten Leib gebeugten Mutter künstlerisch umsetzen wollte. Thematisch hätte das Motiv gut in den Zyklus «Bauernkrieg» gepasst, doch Kollwitz wählte stattdessen «Schlachtfeld» für die Edition aus (vgl. Los 913). Neben der Lithografie «Pietà» entstanden im selben Jahr die Tiefdrucke «Mutter und toter Sohn» (Knesebeck 78) und «Frau mit totem Kind» (Knesebeck 81) zum selben Thema. Die hier angebotene Zeichnung ist eine der seltenen, leicht farbigen Vorarbeiten – in diesem Falle zur Radierung Knesebeck 81. Die Zeichnung «Frau mit totem Kind» von 1903 gehört zu den ein- dringlichstenDarstellungen vonVerlust und existenziellemSchmerz im Werk von Käthe Kollwitz. Das Motiv der Mutter mit ihrem ver- storbenen Kind beschäftigte die Künstlerin über viele Jahre hinweg und wurde zu einem zentralen Thema ihres Schaffens – bis hin zur Plastik «Pietà» von 1937/1938 (vgl. Los 928). In der vorliegenden Zeichnung verdichtet Kollwitz das menschliche Leid zu einer uni- versellen Bildsprache von aussergewöhnlicher emotionaler Inten- sität. Die Mutter umfasst den leblosen Körper des Kindes mit ver- zweifelter Nähe. Beide Figuren sind eng ineinander verschränkt, wodurch die Komposition nahezu skulptural wirkt. Auf jede erzäh- lerische Ausschmückung verzichtet Kollwitz bewusst. Der Bildraum bleibt reduziert und konzentriert sich ganz auf die körperliche und seelische Beziehung zwischen Mutter und Kind. Gerade diese Beschränkung auf dasWesentliche verstärkt die unglaubliche Kraft und Wirkung der Darstellung. 911 Käthe Kollwitz Königsberg 1867–1945 Moritzburg Frau mit totem Kind
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