Auktion 294: Käthe Kollwitz - Meisterwerke aus der Sammlung Gudrun und Martin Fritsch 10.9.2026

1904. Kreide- und Pinsellithografie von drei Steinen gedruckt auf sehr festem, strukturiertem, beigem Strohkarton. 43,7×33,1 cm, Darstellung; 48,6×33,1 cm, Blattgrösse. Unten rechts von der Künstlerin in Bleistift signiert «Kollwitz», darunter «1904». Vereinzelte Reissnagellöcher. Der Papierrand unregelmässig. Das Papier minim gebräunt. Farbfrisch. In tadelloser Erhaltung. Schätzung CHF 600000 * Werkverzeichnis Alexandra von dem Knesebeck, Käthe Kollwitz, Werkverzeichnis der Graphik, Bern 2002, Bd. 1, Nr. 85/I/A (v. II/B), eines der dort erwähnten Exemplare Provenienz Privatsammlung Kalifornien Auktion Butterfield & Butterfield, Los Angeles, 14. Oktober 2002, Los 1128, dort erworben von Slg. Gudrun und Martin Fritsch, Berlin Literatur Otto Nagel, Die Selbstbildnisse der Käthe Kollwitz, Berlin 1965, Tafel 26 Hommage an Käthe Kollwitz, hrsg. vonMartin Fritsch, mit Beiträgen von Annette Seeler und Gudrun Fritsch, Leipzig 2005, S. 56/57 Ausstellungen Bielefeld 1999, Kunsthalle, Käthe Kollwitz, Das Bild der Frau, S. 24 Bis 2014 als Dauerleihgabe im Käthe-Kollwitz-Museum Berlin Berlin 2021, Galerie Judin, EnriqueMartínez Celaya, Käthe Kollwitz, Von den ersten und letzten Dingen, Kat. Nr. 91 Frankfurt am Main 2024, Städel Museum, Kollwitz, Kat. Nr. 8 Das ikonische, lithografische «Selbstbildnis en face» von Käthe Kollwitz zählt zu den bedeutendsten und zugleich seltensten Blät- tern ihres grafischenŒuvres. Für die Entstehung des Blattes kom- binierte Kollwitzmehrere Lithografiesteine, die in unterschiedlichen Farbtönen übereinander gedruckt wurden. Der Zeichnungsstein für Gesicht und Hals erscheint in einemwarmen Rotbraun, während ein separater Tonstein die markante Umrahmung des Kopfes in Blaugrün wiedergibt. Ein weiterer Tonstein gestaltet den Hinter- grund in einem gedämpften Graubraun und verleiht der Komposi- tion zusätzliche räumliche Tiefe und atmosphärische Dichte. Die dunkle Einfassung des Gesichts ist innerhalb des Schaffens der Künstlerin nahezu einzigartig. Gerade dieser starke Kontrast lässt die Physiognomiemit besonderer Intensität hervortreten. Das Gesicht scheint aus einemdunklen Bildraumheraus aufzuleuchten und entwickelt eine fast körperhafte Präsenz. Kollwitz modelliert die Züge nicht allein zeichnerisch, sondern mit einer Plastizität, die beinahe an skulpturale Gestaltung erinnert. Licht und Schatten formen dieOberfläche des Antlitzes wie eine plastischeMasse und verleihen dem Selbstbildnis eine aussergewöhnliche Ausdrucks- kraft. Diese Nähe zum plastischen Denken steht im Zusammenhang mit Kollwitz’ wachsendem Interesse an der Bildhauerei um 1904. Wäh- rend eines Aufenthalts in Paris besuchte sie die renommierte Académie Julian, wo sie sich intensiv mit den Grundlagen der Plas- tik auseinandersetzte. Die Erfahrung spiegelt sich deutlich in der monumentalen Wirkung des Porträts wider. Das Selbstbildnis nimmt innerhalb ihres gesamten Schaffens eine zentrale Stellung ein. Bei Knesebeck sind 36 Selbstbildnisse doku- mentiert, hinzu kommen gut 100 Zeichnungen und plastische Arbeiten. Immer wieder nutzt Kollwitz das eigene Gesicht als Medium der Selbstbefragung und existenziellen Auseinanderset- zung. Häufig zeigt sie sich dabei mit ernster, erschöpfter oder schmerzlich introspektiver Mimik. Umso bemerkenswerter erscheint der vergleichsweise weiche und ruhige Ausdruck dieses Blattes, welcher der Darstellung eine besondere menschliche Wärme verleiht. Von sämtlichen Zuständen und bekannten Druckvarianten dieses Werkes, gedruckt von Hermann Birkholz in Berlin, sind insgesamt lediglich ca. zwölf Exemplare überliefert, die meisten davon befin- den sich in Museumssammlungen. Das vorliegende Blatt ist somit eine grosse Seltenheit in Kollwitz’ druckgrafischemWerk und darf zweifellos als einer der Höhepunkte ihres gesamten künstlerischen Schaffens gesehen werden. 915 Käthe Kollwitz Königsberg 1867–1945 Moritzburg Selbstbildnis, en face

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