Auktion 294: Käthe Kollwitz - Meisterwerke aus der Sammlung Gudrun und Martin Fritsch 10.9.2026
1922. Tusche und Deckweiss, Kreide auf gräulichem Bütten. 48,9×46,7 cm. Unten rechts von der Künstlerin in Bleistift signiert «Käthe Kollwitz». Vereinzelte Reissnagellöcher. Minimer Lichtrand. Das Blatt alt restauriert. Rückseitig Spuren alter Montierungen. In sehr guter Erhaltung. Schätzung CHF 250000 * Werkverzeichnis Otto Nagel/Werner Timm, Käthe Kollwitz, Die Handzeichnungen, Stuttgart 1980, Nr. 956 Provenienz Slg. Martin Baer, Connecticut, 1969 in Kommission an Galerie St. Etienne, New York, dort 1969 verkauft an Minneapolis Institut of Art Privatsammlung New York, verkauft an Auktion Karl & Faber, München, 29. Mai 1980, Los 1536 Galerie Westenhoff, Lübeck, dort 1983 erworben von Slg. Gudrun und Martin Fritsch, Berlin Literatur RaymondG. Dobard, Subject-Matter in theWork of Käthe Kollwitz, An Investigation of Death Motifs in Relation to Traditional Icono- graphic Patterns, Dissertation, The Johns Hopkins University, Bal- timore 1975, Abb. 43 Tom Fecht, Käthe Kollwitz, Das farbige Werk, Berlin 1987, Abb. 125 Ulrich Pfeiffer, Opfer und Tod im Werk von Käthe Kollwitz, Zur Bedeutung der Radierung «Aus vielenWunden blutest Du, o Volk», Dissertation Carl-von-Ossietzky-Universität, Oldenburg 1996, Abb. 165 Käthe Kollwitz, Zeichnung, Grafik, Plastik, Bestandskatalog des Käthe-Kollwitz-MuseumBerlin, hrsg. vonMartin Fritsch, bearbeitet von Annette Seeler, mit Beiträgen von Annette Seeler und Werner Timm, Leipzig 1999, Kat. Nr. 101 Hommage an Käthe Kollwitz, hrsg. vonMartin Fritsch, mit Beiträgen von Annette Seeler und Gudrun Fritsch, Leipzig 2005, S. 86/87 Ausstellungen New York 1967, Galerie St. Etienne, Kaethe Kollwitz – In the Cause of Humanity, Exhibition Arranged toCommemorate the Hundredth Birthday of the Artist, Kat. Nr. 39 Höchst 1985, Jahrhunderthalle, Käthe Kollwitz, Zeichnungen, Druckgrafik, Skulpturen aus dem Bestand der Galerie Pels-Leusden, Berlin, und anderer Sammlungen, Kat. Nr. 30 Wolfsburg 1992, Kunstverein, Käthe Kollwitz, Meisterwerke aus dem Käthe-Kollwitz-Museum Berlin, Zeichnungen, Grafik, Bronzen, Abb. 62 Berlin 1995, Käthe Kollwitz Museum, Käthe Kollwitz, Schmerz und Schuld, Kat. Nr. 102 Wiesloch 1995, Kunstkreis Südliche Bergstrasse-Kraichgau e. V., Kulturhaus, Käthe Kollwitz, Meisterwerke aus demKäthe-Kollwitz- Museum Berlin, S. 141 Ibaraki/Niigata/Himeji/Kumamoto/Machida 2005/2006, Tsukuba Museum of Art/Prefectural Museum of Modern Art/City Museum of Art/Prefectural Museum of Art/City Museum of Graphic Arts, Käthe Kollwitz, Kat. Nr. 96 Berlin/Passau 2011, Käthe-Kollwitz-Museum/Museum Moderner Kunst Wörlen, Käthe Kollwitz, Bildhauerin aus Leidenschaft, S. 75 Vic-sur-Seille 2012, Musée départemental Georges de La Tour, Käthe Kollwitz, La vérité des sens, Kat. Nr. 59 Berlin 2014, Käthe-Kollwitz-Museum, Mahnung und Verlockung, S. 78 Berlin 2021, Galerie Judin, EnriqueMartínez Celaya, Käthe Kollwitz, Von den ersten und letzten Dingen, Kat. Nr. 66 Zürich/Bielefeld 2023/2024, Kunsthaus/Kunsthalle, Käthe Kollwitz, Stellung beziehen, Kat. Nr. 96 Der Erste Weltkrieg bedeutete für Käthe Kollwitz einen tiefen per- sönlichen Einschnitt. Besonders der Tod ihres jüngeren Sohnes Peter, der sich 1914 freiwillig zum Kriegsdienst gemeldet hatte und bereits wenigeWochen später auf den Schlachtfeldern in Flandern getötet wurde, erschütterte die Künstlerin nachhaltig. In ihr Tage- buch notierte sie am5. Oktober 1914: «Abschiedsbrief an Peter. Als ob das Kind einem noch einmal vom Nabel abgeschnitten wird. Das ersteMal zumLeben, jetzt zumTode.» In den folgenden Jahren setzte sie sich intensiv mit den Erfahrungen von Verlust, Trauer und den verheerenden Folgen des Krieges auseinander. Aus diesem langen inneren und künstlerischen Prozess entstand schliesslich die siebenteilige Holzschnittfolge «Krieg», die zu den bedeutends- ten Antikriegswerken des 20. Jahrhunderts zählt. Die Arbeit an dem Zyklus erstreckte sich über viele Jahre. Kollwitz rang lange umeine angemessene bildnerische Form für das Erlebte und entwickelte ihre Motive in zahlreichen Vorstudien und Über- arbeitungen. Über die Entstehung der Folge schrieb sie später: «Ich bin mit der Holzschnittfolge zum Krieg fast fertig. […] Kein Mensch wird mutmassen, dass diese 7 Holzstöcke mittlerer Grösse eine langjährige Arbeit in sich schliessen und doch ist es so. Es steckt darin die Auseinandersetzungmit demStück Leben, das die Jahre 1914–1918 umfassen, und diese vier Jahrewaren schwer zu fassen.» 1923 erschien die Folge schliesslich als Mappenwerk im Verlag Emil Richter in Dresden inmehreren Auflagen (vgl. Los 825, Auktion «Illustrierte Bücher und Portfolios aus der Sammlung Eberhard W. Kornfeld»). Mit ihrer radikal reduzierten Formensprache und der eindringlichen Konzentration auf menschliches Leid schuf Kollwitz einen Zyklus von aussergewöhnlicher emotionaler und historischer Bedeutung. Das erste Blatt der Folge trägt den Titel «Das Opfer» (Knesebeck 179). Die hier angebotene Vorarbeit nimmt die Komposition vor- weg – einzig spiegelverkehrt. Schon 1915 beschäftigte sie das Thema der Mutter, die faktisch ihr Kind dem Tod darbietet. «Ich arbeite an der Darbietung. Ich musste – es war direkt ein Zwang – alles ändern. Die Figur bog sich von selbst unter meinen Händen – wie nach eigenem Willen – nach vorn über. Nun ist sie nicht mehr die Aufrechte. Ganz tief bückt sie sich und reicht ihr Kind dar. In niedrigster Demut», schrieb Kollwitz am 27. April in ihr Tagebuch. Im ersten Blatt der Holzschnittfolge «Krieg» thematisiert sie das Motiv des Opfers mit eindringlicher Radikalität. Die Schutzlosigkeit ihres entblössten Körpers verstärkt die Wirkung der Szene. Mit geschlossenen Augen hält sie das Kind empor, als vollziehe sie die Handlung in einem Zustand innerer Hingabe oder blind akzeptier- ter Notwendigkeit. Gerade dieses fehlende Sehen verweist auf die anfängliche Bereitschaft vieler Menschen zu Beginn des Ersten Weltkriegs, persönlicheOpfer imGlauben an eine höhere nationale Aufgabe hinzunehmen. Einewunderbar ausgearbeitete Zeichnung, die die Essenz der Kriegserfahrung eindrücklich wiedergibt. 919 Käthe Kollwitz Königsberg 1867–1945 Moritzburg Das Opfer
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