Auktion 294: Käthe Kollwitz - Meisterwerke aus der Sammlung Gudrun und Martin Fritsch 10.9.2026
1924. Holzschnitt, mit Tusche und Deckweiss überarbeitet auf festem, rauem Japan. 36×30 cm, Druckstock; 37,5×31,5 cm, Blattgrösse. Oben rechts von der Künstlerin in Bleistift signiert «Kollwitz». Rückseitig vomSohn der Künstlerin bezeichnet «Eigen- tum Hans Kollwitz». Vereinzelte Reissnagellöcher. Rechts das Papier unregelmässig. Rückseitig Spuren alter Montierungen. In tadelloser Erhaltung. Schätzung CHF 75000 * Werkverzeichnis Alexandra von dem Knesebeck, Käthe Kollwitz, Werkverzeichnis der Graphik, Bern 2002, Bd. 2, Nr. 214, eines der beiden dort erwähnten Exemplare Provenienz Nachlass Käthe Kollwitz, dort 1990 erworben von Slg. Gudrun und Martin Fritsch, Berlin Literatur Käthe Kollwitz, Zeichnung, Grafik, Plastik, Bestandskatalog des Käthe-Kollwitz-Museums Berlin, hrsg. vonMartin Fritsch, bearbei- tet von Annette Seeler, mit Beiträgen von Annette Seeler und Werner Timm, Leipzig 1999, Kat. Nr. 119 Hommage an Käthe Kollwitz, hrsg. vonMartin Fritsch, mit Beiträgen von Annette Seeler und Gudrun Fritsch, Leipzig 2005, S. 112/113 Ausstellung Reutlingen 1994, Städtisches Kunstmuseum Spendhaus, Kriege des Jahrhunderts, Von Kollwitz bis Kluge, Kat. Nr. 57 Das soziale Denken und die politische Haltung von Käthe Kollwitz sind engmit ihrer Herkunft und ihrem familiären Umfeld verbunden. Einen nachhaltigen Einfluss übte insbesondere ihr Grossvater Julius Rupp aus, der in Königsberg die erste freie evangelischeGemeinde Deutschlands gründete. Innerhalb dieser freireligiösen Bewegung verband sich religiöse Überzeugung mit einem starken ethischen und sozialen Verantwortungsgefühl. Die Hoffnung auf eine gerech- tere Gesellschaft, in der Armut und menschliches Elend überwun- den werden könnten, prägte das Denken dieser Gemeinschaft ebenso wie ihr Engagement in der Armenpflege, der Kranken fürsorge und in sozialen Hilfsvereinen. Auch Käthe Kollwitz’ Vater Carl Schmidt sowie ihr älterer Bruder Konrad fühlten sich sozialdemokratischen Ideen verbunden und traten der 1863 gegründeten SPD bei. Später engagierte sich auch ihr Ehemann Karl Kollwitz politisch als Berliner Stadtverordneter der Sozialdemokraten. Obwohl Käthe Kollwitz selbst nie Mitglied einer Partei wurde, blieb sie den humanistischen und sozialen Ide- alen der Arbeiterbewegung zeitlebens eng verbunden. Noch kurz vor ihrem Tod sprach sie von ihrer Hoffnung auf einen Sozialismus im Sinne einer menschlichen Solidarität und einer «Bruderschaft der Menschen». Sie notierte 1941 in ihr Tagebuch: «[…] als ich, besonders durch meinen Mann, die Schwere und Tragik der pro- letarischen Lebenstiefe kennenlernte […], erfasste mich mit ganzer Stärke das Schicksal des Proletariats […]. Ungelöste Probleme wie Prostitution, Arbeitslosigkeit, quälten und beunruhigten mich und wirkten mit als Ursache dieser meiner Gebundenheit an die Dar- stellung des niederen Volkes und ihre immer wiederholte Darstel- lung öffnete mir ein Ventil oder eine Möglichkeit, das Leben zu ertragen.» Diese gesellschaftliche Haltung findet ihren unmittelbaren Aus- druck in vielen ihrer Werke. Besonders eindringlich zeigt sich dies in der Holzschnittfolge «Proletariat», die zwischen 1924 und 1925 entstand. Die aus drei Blättern bestehende Serie, zu der die Holz- schnitte «Erwerbslos», Blatt 1 (Knesebeck 215), «Hunger», Blatt 2 (Knesebeck 222), und «Kindersterben», Blatt 3 (Knesebeck 216), gehören, zählt heute zu den unbekannteren Werkgruppen der Künstlerin. Herausgegeben wurde sie im Verlag Emil Richter in Dresden in 25 Exemplaren auf Japanpapier sowie weiteren 75 Dru- cken auf dickem, weichem, rauemJapan. Die Künstlerin hat die drei Blätter als Triptychon konzipiert. Nach dem Ersten Weltkrieg wandte sich Kollwitz verstärkt dem Holzschnitt zu. Die sozialen Verwerfungen der Nachkriegszeit – Hunger, Arbeitslosigkeit, Not und hohe Kindersterblichkeit – erschütterten die Künstlerin zutiefst. In der Folge «Proletariat» verdichtete sie diese Erfahrungen zu Bildern von emotionaler Wucht. Mit radikaler Reduktion und grosser formaler Klarheit ent- standen eindringliche Darstellungenmenschlicher Not und gesell- schaftlicher Ungerechtigkeit, die bis heute nichts von ihrer Wirkung verloren haben. Für das erste Blatt der Folge, «Erwerbslos», arbeitete die Künstlerin zuerst an einer später verworfenen Fassung. Diese ging auch als «Leere Schüssel» in die Literatur ein. Zu sehen ist eine Familie: Die Mutter zeigt dem Mann und den Kindern eine leere Schüssel. Die vorliegende Arbeit ist ein starkmit Tusche und Deckweiss über- arbeitetes Blatt. Es sind nur zwei Abzüge der verworfenen Fassung bekannt. In der für die Auflage verwendeten Version fokussierte die Künstlerin eher auf eine stark psychologisierte Darstellung der Familie voller Hoffnungslosigkeit; das hungrige Kind unten links hält einen Löffel in Händen und wird mit stark aufgerissenen Augen dargestellt (vgl. Knesebeck 215). Das erste Blatt des Triptychons «Proletariat» bildet den Auftakt einer eindrücklichen Darstellung der Misere in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg. 925 Käthe Kollwitz Königsberg 1867–1945 Moritzburg Erwerbslos – Leere Schüssel Verworfene Fassung des ersten Blattes der Folge «Proletariat»
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