Auktion 294: Käthe Kollwitz - Meisterwerke aus der Sammlung Gudrun und Martin Fritsch 10.9.2026
Das soziale Denken und die politische Haltung von Käthe Kollwitz sind engmit ihrer Herkunft und ihrem familiären Umfeld verbunden. Einen nachhaltigen Einfluss übte insbesondere ihr Grossvater Julius Rupp aus, der in Königsberg die erste freie evangelischeGemeinde Deutschlands gründete. Innerhalb dieser freireligiösen Bewegung verband sich religiöse Überzeugung mit einem starken ethischen und sozialen Verantwortungsgefühl. Die Hoffnung auf eine gerech- tere Gesellschaft, in der Armut und menschliches Elend überwun- den werden könnten, prägte das Denken dieser Gemeinschaft ebenso wie ihr Engagement in der Armenpflege, der Krankenfür- sorge und in sozialen Hilfsvereinen. Auch Käthe Kollwitz’ Vater Carl Schmidt sowie ihr älterer Bruder Konrad fühlten sich sozialdemokratischen Ideen verbunden und traten der 1863 gegründeten SPD bei. Später engagierte sich auch ihr Ehemann Karl Kollwitz politisch als Berliner Stadtverordneter der Sozialdemokraten. Obwohl Käthe Kollwitz selbst nie Mitglied einer Partei wurde, blieb sie den humanistischen und sozialen Ide- alen der Arbeiterbewegung zeitlebens eng verbunden. Noch kurz vor ihrem Tod sprach sie von ihrer Hoffnung auf einen Sozialismus im Sinne einer menschlichen Solidarität und einer «Bruderschaft der Menschen». Sie notierte 1941 in ihr Tagebuch: «[…] als ich, besonders durch meinen Mann, die Schwere und Tragik der pro- letarischen Lebenstiefe kennenlernte […], erfasste mich mit ganzer Stärke das Schicksal des Proletariats […]. Ungelöste Probleme wie Prostitution, Arbeitslosigkeit, quälten und beunruhigten mich und wirkten mit als Ursache dieser meiner Gebundenheit an die Dar- stellung des niederen Volkes und ihre immer wiederholte Darstel- lung öffnete mir ein Ventil oder eine Möglichkeit, das Leben zu ertragen.» Diese gesellschaftliche Haltung findet ihren unmittelbaren Aus- druck in vielen ihrer Werke. Besonders eindringlich zeigt sich dies in der Holzschnittfolge «Proletariat», die zwischen 1924 und 1925 entstand. Die aus drei Blättern bestehende Serie, zu der die Holz- schnitte «Erwerbslos», Blatt 1 (Knesebeck 215), «Hunger», Blatt 2 (Knesebeck 222), und «Kindersterben», Blatt 3 (Knesebeck 216), gehören, zählt heute zu den unbekannteren Werkgruppen der Künstlerin. Herausgegeben wurde sie im Verlag Emil Richter in Dresden in 25 Exemplaren auf Japanpapier sowie weiteren 75 Dru- cken auf dickem, weichem, rauemJapan. Die Künstlerin hat die drei Blätter als Triptychon konzipiert. Nach dem Ersten Weltkrieg wandte sich Kollwitz verstärkt dem Holzschnitt zu. Die sozialen Verwerfungen der Nachkriegszeit – Hunger, Arbeitslosigkeit, Not und hohe Kindersterblichkeit – erschütterten die Künstlerin zutiefst. In der Folge «Proletariat» verdichtet sie diese Erfahrungen zu Bildern von aussergewöhn licher emotionaler Wucht. Mit radikaler Reduktion und grosser formaler Klarheit entstanden eindringliche Darstellungenmensch- licher Not und gesellschaftlicher Ungerechtigkeit, die bis heute nichts von ihrer Wirkung verloren haben. Das zweite Blatt der Folge, «Hunger», gehört zu den eindringlichs- ten sozialen Anklagen im grafischen Werk von Käthe Kollwitz. Ent- standen in den wirtschaftlich und gesellschaftlich schwierigen Jahren der Weimarer Republik, thematisiert es die existenzielle Not breiter Bevölkerungsschichten nach demErstenWeltkrieg. Arbeits- losigkeit, Inflation und Versorgungskrisen prägten das Leben vieler Menschen undwurden für Kollwitz zu einem zentralenGegenstand ihrer Kunst. Gerade die Technik des Holzschnitts entsprach ihrem Anliegen einer unmittelbaren und verdichteten Ausdrucksform. Mit den scharf gegeneinandergesetzten Schwarz-Weiss-Flächen erreichte Kollwitz eine monumentale Bildwirkung von aussergewöhnlicher Intensität. Die Reduktion auf wenige Formen verstärkt die emotio- nale Aussage des Blattes erheblich. Wie in vielen ihrer Werke verbindet Kollwitz persönlichesMitgefühl mit gesellschaftlicher Anklage. Ihre Darstellungen sind niemals distanzierte Beobachtungen sozialer Missstände, sondern Aus- druck tiefer Anteilnahme. Gerade darin liegt die besondereWirkung ihrer Kunst: Sie zeigt Leid nicht als abstraktes Thema, sondern als unmittelbar menschliche Erfahrung. In der oberen Bildecke links ist die peitschende Gestalt des Hun- gers zu sehen. Darunter zeigt die Künstlerin zusammengedrängte, sich duckende Menschen – Mütter, die ihre hungernden Kinder trösten. Käthe Kollwitz Königsberg 1867–1945 Moritzburg Hunger Zyklus
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