Auktion 294: Käthe Kollwitz - Meisterwerke aus der Sammlung Gudrun und Martin Fritsch 10.9.2026
1937/1938, Guss wohl 1963. Bronze. 37,2×28,5×39,2 cm. Auf der Rückseite mit der geritzten Signatur «Kollwitz». Mit dem Giesserstempel «H. NOACK BERLIN». In schöner rötlich-brauner Patina. Schätzung CHF 60000 * Werkverzeichnis Annette Seeler, Käthe Kollwitz, Die Plastik, Werkverzeichnis, Köln 2016, Nr. 37 Dr. Annette Seeler hat das Exemplar begutachtet und wird es unter den II.B- Abformungen in den Œuvrekatalog aufnehmen. Wir danken ihr für die wert- vollen Hinweise. Provenienz Galerie Vömel, Düsseldorf, mit Etikett Privatsammlung New York, versteigert bei Auktion GalerieWolfgang Ketterer, München, 21.-27. November 1977, Los 1115, am 19. April 1978 im Nachverkauf erworben von Slg. Gudrun und Martin Fritsch Ausstellungen Berlin 2021, Galerie Judin, Enrique Martínez Celaya, Käthe Kollwitz, Von den ersten und letzten Dingen, Kat. Nr. 89 Das Motiv der trauernden Mutter mit ihrem verstorbenen Kind gehört zu den zentralen Themen im Werk von Käthe Kollwitz und entwickelte sich bereits während ihrer Arbeit amBauernkriegszyklus zu einer eigenständigen Bildidee. Die Künstlerin griff damit ein Motiv auf, das tief in der christlichen Ikonografie verwurzelt ist: die «Pietà», also die Darstellung Marias als Schmerzensmutter mit dem Leichnam Christi auf ihrem Schoss. Seit dem Mittelalter steht dieses Bild für Schmerz, Verlust und menschliches Mitgefühl – Themen, die auch Kollwitz zeitlebens beschäftigen sollten. Vor dem Hintergrund ihres intensiven Interesses an Leid, Tod und existenziel- ler Erfahrung überrascht es kaum, dass sie sich diesem Motiv mehrfach wid- mete. Ursprünglich wäre die Darstellung thematisch durchaus in den Bauern- kriegszyklus integrierbar gewesen. Für die endgültige Folge entschied sich Kollwitz jedoch stattdessen für das Blatt «Schlachtfeld», während sie die Pietà- Thematik in eigenständigen Arbeiten weiterverfolgte. 1903 entstanden mehrere grafischeWerke zum Thema der trauerndenMutter, darunter die Blätter «Mutter und toter Sohn» sowie «Frau mit totem Kind». Über viele Jahrzehnte hinweg blieb dasMotiv für Kollwitz von zentraler Bedeu- tung und fand schliesslich auch Eingang in ihr plastisches Werk. Besonders in der späten Plastik «Pietà» von 1937/38 erreicht die Thematik eine ausser gewöhnliche Verdichtung. Die Mutter umschliesst den leblosen Körper des Kindes mit beinahe verzweifelter Nähe; beide Figuren sind eng miteinander verschränkt und zu einer geschlossenen Formverbunden. Durch die Reduktion auf die unmittelbare körperliche und seelische Beziehung zwischen Mutter und Kind entsteht eine universelle Bildsprache von grosser emotionaler Kraft. Von der Plastik existieren neben den zu Lebzeiten entstandenen Arbeiten auch posthumeGüsse. In den 1970er-Jahren liess die Erbengemeinschaft nach Hans Kollwitz die sogenannte Vömel-Edition herstellen, die in einer kleinen Auflage von zehn Exemplaren gegossen wurde. Diese innige Verarbeitung des persönlichen Schicksals einer Mutter wird viele Jahre später zum staatlichen Ausdruck der Trauer und des Gedenkens: Als Mahnmal «Den Opfern von Krieg und Gewaltherrschaft» gewidmet, findet 1993 – auf Initiative des damaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl und hergestellt von Harald Haacke – eine Kopie der Plastik in vierfacher Vergrösserung Auf- stellung als Zentrale Gedenkstätte der Bundesrepublik Deutschland in der Berliner Neuen Wache. 928 Käthe Kollwitz Königsberg 1867–1945 Moritzburg Pietà
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