Auktion 294: Käthe Kollwitz - Meisterwerke aus der Sammlung Gudrun und Martin Fritsch 10.9.2026
1936. Kreide auf beigem Bütten MBM Ingres. 61,2×47,5 cm. Unten rechts von der Künstlerin in Bleistift signiert, betitelt und datiert «Käthe Kollwitz / Selbstbild 1936». Mit vereinzelten Reissnagel löchern. Rückseitig mit Spuren alter Montierungen. Minime Gelb- färbung wegen Fixierungsmittel. In sehr guter Erhaltung. Schätzung CHF 380000 * Werkverzeichnis Otto Nagel/Werner Timm, Käthe Kollwitz, Die Handzeichnungen, Stuttgart 1980, Nr. 1266 Provenienz Slg. Wilhelm Buller, Duisburg Privatsammlung Deutschland Dr. Ewald Rathke Kunsthandel, Frankfurt am Main, dort am 30. November 1994 erworben von Slg. Gudrun und Martin Fritsch, Berlin Literatur Käthe Kollwitz, Zeichnung, Grafik, Plastik, Bestandskatalog des Käthe-Kollwitz-MuseumBerlin, hrsg. vonMartin Fritsch, bearbeitet von Annette Seeler, mit Beiträgen von Annette Seeler und Werner Timm, Leipzig 1999, Kat. Nr. 158 Hommage an Käthe Kollwitz, hrsg. vonMartin Fritsch, mit Beiträgen von Annette Seeler und Gudrun Fritsch, Leipzig 2005, S. 130/131 Ausstellungen Bukarest 1976, Kunstmuseum der Sozialistischen Republik Rumä- nien, Deutsche Bildhauer, 1900–1933, Kat. Nr. 108 Berlin 1995, Käthe Kollwitz Museum, Käthe Kollwitz, Schmerz und Schuld, S. 13 Rotterdam 1995, Chabot Museum, Käthe Kollwitz, Tekeningen, grafiek, sculpturen, Kat. Nr. 22 Wiesloch 1995, Kunstkreis Südliche Bergstrasse-Kraichgau e. V., Kulturhaus, Käthe Kollwitz, Meisterwerke aus demKäthe-Kollwitz- Museum Berlin, S. 17 Bielefeld 1999, Kunsthalle Bielefeld, Käthe Kollwitz, Das Bild der Frau, S. 38 Ibaraki/Niigata/Himeji/Kumamoto/Machida 2005/2006, Tsukuba Museum of Art/Prefectural Museum of Modern Art/City Museum of Art/Prefectural Museum of Art/City Museum of Graphic Arts, Käthe Kollwitz, Kat. Nr. 163 Vic-sur-Seille 2012, Musée départemental Georges de La Tour, Käthe Kollwitz, La vérité des sens, Kat. Nr. 16 Bis 2014 als Dauerleihgabe im Käthe-Kollwitz-Museum Berlin Berlin 2021, Galerie Judin, EnriqueMartínez Celaya, Käthe Kollwitz, Von den ersten und letzten Dingen, Kat. Nr. 49 Frankfurt am Main 2024, Städel Museum, Kollwitz, Kat. Nr. 17 Käthe Kollwitz’ Selbstbildnis von 1936 gehört zu den eindringlichs- ten Selbstzeugnissen ihres späten Schaffens und ist zugleich ein stilles Dokument der politischen und gesellschaftlichen Isolation während der Zeit des Nationalsozialismus. Entstanden in einer Epoche zunehmender Repression, spiegelt das Werk nicht nur die persönliche Situation der Künstlerinwider, sondern auch die Bedro- hung einer gesamten humanistischen Kunstauffassung, die von den Nationalsozialisten diffamiert und verfolgt wurde. Bereits kurz nach der Machtübernahme 1933 geriet Kollwitz ins Visier des Regimes. Aufgrund ihrer pazifistischen Haltung, ihres sozialen Engagements und ihrer Nähe zu progressiven Künstler- kreisen wurde sie aus der Preussischen Akademie der Künste gedrängt und mit Ausstellungsverboten belegt. Ihre Kunst ent- sprach in keiner Weise dem nationalsozialistischen Ideal heroi- scher, ideologisch kontrollierter Darstellung. Statt Pathos und Überhöhung zeigte Kollwitz menschliches Leid, Trauer, Armut und Verletzlichkeit. Gerade diese radikale Menschlichkeit machte ihre Werke für die nationalsozialistische Kulturpolitik verdächtig. Wenige Jahre später wurden Arbeiten von ihr im Kontext der Kampagne gegen die sogenannte «entartete Kunst» aus Museen entfernt und diffamiert. Kollwitz schrieb im November 1936 in ihr Tagebuch: «Auch diesemerkwürdige Stille bei Gelegenheit der Herabsetzung meiner Arbeit aus der Akademieausstellung und anschliessend [dem] Kronprinzenpalais. Es hat mir fast niemand etwas dazu zu sagen. Ich dachte die Leute würden schreiben, mindestens schrei ben – nein. So etwas von Stille um mich. – Das muss alles erlebt werden!» Vor diesem historischen Hintergrund wirkt das Selbstbildnis von 1936 wie eine konzentrierte innere Bestandsaufnahme. Kollwitz zeigt sich darauf ohne jede Idealisierung. Das Gesicht ist von Alter, Müdigkeit und existenzieller Erfahrung gezeichnet. Tiefe Schatten modellieren die Züge und verleihen dem Porträt eine fast skulptu- rale Präsenz. Der Blick erscheint ernst und nach innen gerichtet, zugleich aber auch von bemerkenswerter geistiger Klarheit. Gerade in dieser Reduktion liegt seine ausserordentliche Kraft. 929 Käthe Kollwitz Königsberg 1867–1945 Moritzburg Selbstbildnis
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