Auktion 293: Illustrierte Bücher und Portfolios aus der Sammlung Eberhard W. Kornfeld 10.9.2026
1915. 8 Lithografien auf gelbem und auf weissem Velin in Karton- mappe mit ausgeschnittenem Holzschnitt von Erich Heckel (Umschlagder 5. Brücke-Mappe). Je ca. 32×42,5bzw. 42,5×32 cm, Darstellung; 47×51 cm, Mappe (gefaltet). Die Folge enthält: 1. Der Sadist. Blatt 1. 42,5×31,8 cm, Darstellung; 49,2×45 cm, Blattgrösse. Gercken 745 2. Der Masochist. Blatt 2. 42,5×31,8 cm, Darstellung; 50,6×44,1 cm, Blattgrösse. Gercken 746/II 3. Der Busenfreier. Blatt 3. 42,5×31,8 cm, Darstellung; 48,8×42 cm, Blattgrösse. Gercken 747 4. Der Urinfreier. Blatt 4. 42,5×31,8 cm, Darstellung; 48,5×43 cm, Blattgrösse. Gercken 748 5. Onanierszene. Blatt 5. 31,8×42,5 cm, Darstellung; 43,2×49,2 cm, Blattgrösse. Gercken 749 6. Der andere Busenfreier. Blatt 6. 31,8×42,5 cm, Darstellung; 43×49,3 cm, Blattgrösse. Gercken 750 7. Der Fussfreier. Blatt 7. 42,5×31,8 cm, Darstellung; 50×45 cm, Blattgrösse. Gercken 751 8. Der Handschuhfreier. Blatt 8. 42,5×31,8 cm, Darstellung; 50,8×44,5 cm, Blattgrösse. Gercken 752 Alle Blätter sind in Passepartouts montiert. Vereinzelte Einrisse und Knicke. Kartonmappemit Gebrauchs- und Altersspuren. Insgesamt in sehr guter Erhaltung Schätzung CHF 100000 * Werkverzeichnisse Gercken 745–752 (Kirchner) Ebner/Gabelman 435H (Heckel) Provenienz Slg. Ludwig Binswanger, Kreuzlingen Slg. Eberhard W. Kornfeld, Bern, auf der Innenseite der Mappe mit dem Sammlerstempel, Lugt 913b Ausstellungen Zürich 1996, Kunsthaus, Erotika: Kabinettstücke, Kammerkunst und Ko. Berlin 2001, Neue Nationalgalerie, Der Potsdamer Platz, Ernst Ludwig Kirchner und der Untergang Preussens, dort Blatt 3, 4, 8 ausgestellt Berlin 2008/2009, Brücke-Museum, Kirchner in Berlin, Kat. Nrn. 230–237 Das vollständige Vorhandensein der Folge «Erotika II» ist einmalig, da sechs Lithografien des Portfolios nach derzeitigem Wissens- stand als Einzeldrucke abgezogen wurden. Zur Aufbewahrung der Lithografien faltete Ernst Ludwig Kirchner aus gebrauchten Kar- tonplatten eine Mappe. Deren Vorderseite beklebte er mit einem beschnittenen Holzschnitt von Erich Heckel, den dieser ursprüng- lich für den Umschlag der fünften Jahresmappe «E.L. Kirchner» der Künstlergruppe Brücke von 1910 geschnitten hatte (vgl. unser Los 817). Ernst Ludwig Kirchner zeigt in seinen Lithografien Momente des intimen Zusammenseins zwischen Freier und Kokotte. Es handelt sich um für die damalige Zeit ungewöhnlich direkte Darstellungen, die das Berliner Publikum mit Sicherheit irritiert abgelehnt hätte, wären die grafischen Blätter öffentlich gezeigt worden. Wie in anderen europäischen Metropolen auch gehörte die Pro stitution zumAlltagsleben in Berlin. In der Öffentlichkeit durfte sich dieses umstrittene Gewerbe jedoch nicht offen zeigen. Die Sitten- polizei untersagte den Kokotten, sichtbar auf die Freier zuzugehen. Zur Tarnung trugen die Dirnen in den einschlägigen Etablissements und auf den Strassen deshalb aparte Kleider mit teils auffälligen Stoffen, hochgestellten Kragen und breit gefächerten Hüten, ganz der damaligen Mode entsprechend. Kirchner notierte in einem seiner Skizzenbücher: «Kokotte = Zeitfrau». Für Kirchner, der selbst ein Aussenseiter war, symbolisierten die Kokotten den Zeitgeist der Epoche und das Lebensgefühl in der schnelllebigenGrossstadt mit all ihren Gegensätzen, Widersprüchlichkeiten und Konflikten. Darüber hinaus fand Kirchner, der von den Ausgestossenen und Missverstandenen angezogen wurde, in seinen Darstellungen von Kokotten und deren Tätigkeiten eineMöglichkeit, seine libidinösen Gedanken auszudrücken. Gleichzeitig verlieh er demGeschäft der Prostitution ein aussergewöhnliches und persönlich geprägtes Erscheinungsbild. 821 Ernst Ludwig Kirchner Aschaffenburg 1880–1938 Davos Erotika II
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