Auktion 294: Käthe Kollwitz - Meisterwerke aus der Sammlung Gudrun und Martin Fritsch 10.9.2026

Käthe Kollwitz (1867–1945) ist die bedeu- tendste deutsche Künstlerin. Strassen, Plätze und Schulen sind deutschlandweit nach ihr benannt. Wichtige Aspekte ihres engagierten Lebenswerkes sind gerade heute wieder hochaktuell. Von Anbeginn ihrer künstlerischen Äusserungen orien- tierte sich die Zeichnerin und Grafikerin, die später auch Bildhauerin wurde, aus- schliesslich am Menschen und seinem Schicksal zwischen Geburt und Tod; Landschaften oder Stillleben sind in ihrem gesamten Œuvre nicht anzutreffen. So singulär uns die Künstlerin mit ihrem aus- serordentlichen Werk und dessen spezi- fischer Thematik in der zeitgenössischen Phalanx der männlichen Künstlerkollegen erscheint, so ist ihr Schaffen doch tief mit den geistigen und sozialen Verhältnissen ihrer Zeit vom Ende des 19. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts verbunden. Kollwitz’ leidenschaftliche Hinwendung zur Darstellung des Menschen mit all sei- nen Emotionen von Freude und Leid, Glück und Verzweiflung, Trauer und Ein- samkeit, aber auch inniger Zweisamkeit, besonders von Mutter und Kind, gründet sowohl in ihrer sozial betonten familiären Erziehung als auch als Reaktion auf die geistigen und gesellschaftlichen Miss- stände und Defizite im wilhelminischen Kaiserreich. Mit besonderer Schärfe hatte schon Friedrich Nietzsche den empfun- denen Mangel an Kultur und wahrhafti- gemLeben in den Jahren der Gründerzeit kritisiert. ImAnschluss an ihn richtete sich um 1900 eine Reihe geistiger Bewegun- gen gegen die gefühlte Dominanz des Materialismus und Rationalismus, und die Phänomene «Leben» und «Einfühlung» rückten mehr in den Blickpunkt. Die aus Frankreich kommende, dort von Henri Bergson begründete Lebensphilosophie – mit Georg Simmel und Wilhelm Dilthey als deutschen Vertretern –, ihr Gegenpol, der Neukantianismus (unter anderen mit Leonard Nelson), sowie die von Rudolf Steiner begründete Anthroposophie gehörten als einflussreichste oppositio- nelle geistige Bewegungen mit durchaus unterschiedlichen Auffassungen dazu. Käthe Kollwitz hatte zu all den Genannten Kontakte beziehungsweise war mit deren Ideen vertraut. Anlässlich ihrer Ausstellung zum 50. Ge­ burtstag im Kriegsjahr 1917 im Kunstsalon Cassirer in Berlin hat die Künstlerinmehrfach Bilanz gezogen und dabei explizit ihr Dar- stellungsziel benannt: «Das Leben ist es, was alles in sich birgt undmit dem ichmich auseinandersetze durch die Arbeit.» 1 Im Sinne von Nietzsches «Amor fati»-Gebot (Liebe zum Schicksal) ging es auch ihr darum, «das Leben so [zu] fassen wie es ist und ungebrochen durch es – ohne Kla- gen und viel Weinen – mit Stärke seine Arbeit tun. […] seine Persönlichkeit […] ver- wesentlichen. Sich verbessern – ich meine jetzt nicht imchristlichen Sinn, son- dernmehr imNietzscheschen. […] ‹Mensch werde wesentlich!›» 2 Die zwei Hauptakzente ihrer Motivation, die in diesem Bekenntnis deutlich werden, spiegeln sich auch als Schwerpunkte im Angebot ihrer Werke aus der Fritsch Col- lection zu dieser Auktion: Zum einen sind es die zahlreichen Selbstbildnisse als Aus- druck der selbstkritischen Haltung der Künstlerin, zumanderen ist es die eindring- liche existenzielle Thematik mit ihren Bil- dern der physischen und seelischen Not, der Opferbereitschaft und des Todes. Wie in Kollwitz’ Gesamtwerk dominieren auch hier die ernsten, dunkleren Töne – poetisch umschrieben als der «Erzklangdes Lebens», wie ihn die Künstlerin selbst an ihrem Lieb- lingsdichter Goethe schätzte. 3 Zu den ersten Erwerbungen des Sammler- paares Fritsch gehörten um 1980 sogleich ikonische Werke mit tief emotionalem Gehalt: die Kreidezeichnung «Schlacht- feld» (Los 913) von 1907mit der gebeugten Mutter, die in der Dunkelheit mit einer Lampe in der Hand auf dem Schlachtfeld zwischen den im Kampf Getöteten ihren Sohn zu finden hofft. Es ist ein Entwurf für die gleichnamige Radierung des Zyklus «Bauernkrieg» (1902/03–1908), in dem Kollwitz ihre eigene Lebenstragik gleich- sam ahnungsvoll vorweggenommen hat. Die zweite frühe Erwerbung mit dem Titel «Tod und Jüngling» (Los 918) von 1922/23 stellt ein fast immateriell emporgleitendes, zu einer Einheit verschmolzenes Figuren- paar dar – eine Hommage der Künstlerin imGedenken an ihren imErstenWeltkrieg getöteten Sohn. Die gelängten Körperfor- men rekurrieren möglicherweise auf das unvollendete, entmaterialisierte Marmor- bildwerk der «Pietà Rondanini» (vgl. Abb.) vonMichelangelo Buonarroti, das als Foto imZimmer des Sohnes hing. Dessen früher Soldatentod war das erschütterndste Ereignis im Leben von Käthe Kollwitz, zumal sie selbst denWunsch ihres Sohnes, sich freiwillig zumKriegsdienst zumelden, entgegen der Haltung ihresMannes unter- stützt hatte. Noch während des Krieges erkannte sie ihren fatalen Irrtum: «Der «Alle diese Blätter sind Extrakt meines Lebens» Käthe Kollwitz aus einer bedeutsamen Berliner Privatsammlung Anita Beloubek-Hammer Eröffnung der Kollwitz-Ausstellung in der National Gallery of Art, Washington, DC, 1992, von links Bundespräsident Richard von Weizsäcker, Chefkurator Andrew Robison und der Sammler Martin Fritsch, Foto: Archiv Fritsch

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