Auktion 294: Käthe Kollwitz - Meisterwerke aus der Sammlung Gudrun und Martin Fritsch 10.9.2026

Peter lebte vielleicht noch, wenn nicht die- ser furchtbare Betrug gewesen wäre. Der Peter und Millionen, viele Millionen ande- rer. Alle betrogen.» 4 Zur Erinnerung und Mahnung an die irre geleiteten jugendli- chen Opfer schuf sie die eindringliche Zeichnung der begeistert vorwärts in den Krieg stürmenden «Freiwilligen» (Los 920) und fügte sie, umgesetzt als Holzschnitt (Los 921), in ihren ausserordentlichen Zyk- lus «Krieg» (1920–1922) als pazifistische Botschaft ein. Das tiefe Leid der Hinter- bliebenen des Krieges – verzweifelteMüt- ter und Witwen, vor Gram erstarrte Väter – hielt sie in der Pinselzeichnung «Die Überlebenden» (Los 922) fest. Sie gehört zu den Vorarbeiten für ein lithografisches Plakat zum Antikriegstag am 21. Septem- ber 1923 für den Internationalen Gewerk- schaftsbund in Amsterdam. Inflation und Hungersnot prägten die ers- ten Nachkriegsjahre; Kollwitz reagierte darauf unter anderem mit der dreiteiligen Holzschnitt-Folge «Proletariat» (1924/25). Das Blatt 2, «Hunger», ist mit neun Über- arbeitungen – verschiedenen Zuständen, mit Tusche und Deckweiss überarbeiteten Fassungen und Teildrucken – im Samm- lungsangebot vertreten (Lose 926 und 927). Dargestellt sind fliehende Mütter mit ihrenKindern,diesichunterdergeschwun- genen Geissel des allegorischen Hunger- todes ducken. Die Überarbeitungen ver- leihen den Blättern den Charakter von Unikaten und geben zugleich Einblick in den Arbeitsprozess der Künstlerin. Seit 1891 selbst Mutter, wandte sich Käthe Kollwitz zunehmend und mit wachsender Intensität dem Themenkreis von «Mutter und Kind in Bedrängnis» zu und schuf berührende Zeichnungen, wie etwa die drei Kohle- bzw. Kreidezeichnungen aus den Jahren 1903 bis 1910 zum Thema «Frau mit totem Kind», die zum Auktions- angebot gehören. Wie bei einer Pietà mit Maria und dem Leichnam Christi, beugt sich die verzweifelte Mutter mit leiden- schaftlicher Hingabe über den leblosen Körper ihres Kindes, umklammert ihn mit starken Armen; sie will ihn nicht hergeben (Los 910). Auffallend zahlreich sind die Darstellungen der Konfrontation von Kin- dernmit demTod imŒuvre der Künstlerin. Diese Gegenüberstellung der Extreme schien ihr offensichtlich zumAusdruck der «Grundgefühle eines vollen Lebens» besonders geeignet: «Trennung, Tod sind Begleiterscheinungen jeden Lebens». 5 Dieses Bewusstsein zu vermitteln, war ihr Bestreben bis zu ihrem eigenen Tod. Eine Zeichnung aus der angebotenen Sammlung fällt aus demDarstellungsspek- trum im Werk von Kollwitz etwas heraus (Los 908): «Aus vielen Wunden blutest du, o Volk» (um 1896?). Es ist eine Detailstudie zu der gleichnamigen Radierung von 1896, die zunächst als Schlussblatt des Weber- zyklus geplant war. Die Radierung zeigt zudem einen am Marterpfahl gefesselten Frauenakt: Thema ist die Leidensrolle der Frau, verbunden mit der Frage nach Gerechtigkeit. Das Blatt wurde –wohl auf- grund seiner singulären symbolistischen Formensprache – nicht als Abschluss des Weberzyklus ausgeführt. Die Zeichnung befand sich einst in der Sammlung von Eberhard W. Kornfeld. Mit ihren zahlreichen Selbstbildnissen nimmt Kollwitz in der Reihe ihrer künst­ lerischen Zeitgenossen, die sich ähnlich intensiv mit ihrem eigenen Selbstbild aus- einandersetzten, eine herausragende Stel- lung ein. Van Gogh, Paula Modersohn- Becker, Lovis Corinth und Max Beckmann wären in dieser Beziehung als etwa glei- chermassen Prominente zu nennen. Die Kollwitz-Werkverzeichnisse dokumentie- ren 103 direkte Selbstbildnisse als Zeich- nung (bei insgesamt rund 1300 Einträgen) Michelangelo Buonarroti, Pietà Rondanini, 1552–1564, Marmor, Mailand, Museo Pietà Rondanini Michelangelo Selbstbildnis nach links, 1901, Los 914

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