Auktion 294: Käthe Kollwitz - Meisterwerke aus der Sammlung Gudrun und Martin Fritsch 10.9.2026
«War das letzte Jahr gut? Es war glimpflich. Es hat mir nicht viel Schmerz gebracht. […] Die alten Übelstände sind aber immer noch da zwischen Karl [dem Ehemann] und mir. […] Ich leugne ab und will nicht wissen, was zwischen Karl und mir ist. Wenigstens Karl gegenüber. Ich bin in dieser Beziehung verlogen und ich glaube, dass auch Karl das glaubt. Von Hans [dem ältesten Sohn, geb. 1892] hab ich den Eindruck, er findet nicht immer das in mir was er sucht. Er geht sehr vor- wärts, aber ich nicht. Empfindet er mich alt werden?Werde ich merklich alt? Ich weiss es nicht. Mitunter fühle ich mich fast gelähmt. Mitunter elastisch. Schlimm ist es, dass ich manchmal an mein Arbeiten nicht mehr glaube. Früher sah ich nicht nach der Seite, jetzt fühle ich mich angreifbar, bin manchmal arg verzagt. Auch beunruhigt mich zu sehr die Jugend mit ihrer anderen Richtung [Expressionismus]. […] komm mir zum alten Eisen geworfen vor. Das ist auch so. Und das einzige was man tun kann ist, Scheuklappen vorzunehmen und für sich zu büffeln und sich um nichts anderes zu kümmern.» 7 Dabei konnte sie anlässlich ihrer Ausstel- lung bei Paul Cassirer 1917 mit Recht bekennen: «Alle diese Blätter sind Extrakt meines Lebens. Nie habe ich eine Arbeit kalt gemacht, […] sondern immer gewis- sermassen mit meinem Blut. Das müssen die, die sie sehen, spüren.» 8 Dieses Pathos des Unbedingten teilte sie damals mit einer ganzen Generation junger Künstler, besonders den Expressionisten und anderen Modernen, die dem Diktum von Friedrich Nietzsches Propheten Zarathus- tra folgten: «Schreibemit Blut.» 9 Es war die emotionale und existenzielle Ausnahme- situation der Jahre vor, während und nach demErstenWeltkrieg, die bei zahlreichen, vornehmlich jüngeren Künstlern eine radi- kalere, mehr zur Abstraktion neigende Formensprache zur Folge hatte. Auch Kollwitz erreichte besonders in den Nach- kriegsjahren ihre stärkste Berührung mit demExpressionismus. Die beiden Selbst- bildnisse von 1924, Holzschnitt und Litho- grafie, (Lose 923 und 924), stehenmit ihrer Formenknappheit und Reduktion auf das Wesentliche für diese Entwicklung. Der Weg der Künstlerin zur grossen Form wurde durch die zunehmend intensive bildhauerische Arbeit bestärkt. Im letzten hier präsentierten Selbstbildnis (Los 929) aus dem Jahr 1936 sind jegliche Details eliminiert. Nur ihr Antlitz mit gebeugten Schultern, die Arme tatenlos verschränkt, bewirken in der frontalen Ansicht den ein- dringlichen Ausdruck. Es ist ein gedanken- schweres Altersbild, in dem Kollwitz ihre individuelle seelische Not zu einem allge- meinen Sinnbild der Einsamkeit gestaltet hat. Seit demBeginn der NS-Diktatur hatte sie manche Demütigung erfahren; 1936 wurden ihre Skulpturen aus einer reprä- sentativen Akademieausstellung entfernt, gemeinsam mit Werken von Ernst Barlach und Wilhelm Lehmbruck. Sie hoffte auf eine solidarische Reaktion der Künstler- kollegen – vergeblich. «So etwas von Stille um mich», notierte die fast Siebzigjährige enttäuscht in ihr Tagebuch: «Das muss alles erlebt werden.» 10 Ergänzend zum herausragenden künst- lerischenWert mit zahlreichen ikonischen Werken sind die vorzüglichen Provenien- zen der Sammlung hervorzuheben: Durch den freundschaftlichen Kontakt der Sammler zu den Enkeln der Künstlerin erhielten sie Zugang zu deren Nachlass. Ein besonderer Fundus bedeutete auch der Nachlass des mit Kollwitz befreunde- ten jüngeren KünstlerkollegenOtto Nagel. Als Präsident der Akademie der Künste der DDR setzte er sich nach dem Zweiten Weltkrieg für dasWerk von Kollwitz ein und initiierte unter anderemdenŒuvrekatalog der Handzeichnungen, der 1972 erstmals erschien. Hinzu kamen namhafte deutsche und internationale Sammlungen: USA (Lose 908, 915 und 919); Kanada (Los 906), Grossbritannien (Los 920), Schweiz (Los 908), Israel (Los 905) sowie Deutsch- land (Lose 909 und 922). DieGalerie Kornfeld pflegt die Verbindung zumWerk von Kollwitz in langer Tradition. Bereits ihre Vorgängerinstitution, Galerie Gutekunst & Klipstein, engagierte sich für die Künstlerin: Sie gab 1955 das erste von August Klipstein verfasste Verzeichnis des grafischenWerkes heraus. 2002 erschien die zweibändigeNeubearbeitung, besorgt von Alexandra von dem Knesebeck, im Verlag der Galerie Kornfeld. English version 1 Käthe Kollwitz, Brief an den Sohn Hans, 8. Mai 1917, in: Briefe an den Sohn 1904–1945, Hg. Jutta Bohnke-Kollwitz, Berlin 1992, S. 153. 2 Dies., Tagebucheintrag vom 18. Februar 1917, in: Die Tagebücher 1908–1943, Hg. Jutta Bohnke- Kollwitz, München 2012 (Erstausgabe 1989), S. 302. 3 Käthe Kollwitz auf eine Umfrage zur Würde der Kunst, um 1943, in: Käthe Kollwitz, Ich sah dieWelt mit liebevollen Blicken, Hg. Hans Kollwitz, Wies- baden 1986, S. 312. 4 Dies., Tagebucheintrag vom 20. März 1918, in: Die Tagebücher 1908–1943 (wie Anm. 2), S. 360. 5 Käthe Kollwitz auf eine Umfrage zur Würde der Kunst, um 1943, in: Käthe Kollwitz, Ich sah dieWelt mit liebevollen Blicken (wie Anm. 3), S. 312. 6 Käthe Kollwitz, Die Handzeichnungen, Hg. Otto Nagel, wiss. Bearb. Werner Timm, Stuttgart 1980; Alexandra von dem Knesebeck, Käthe Kollwitz. Werkverzeichnis der Graphik. Neubearbeitung des Verzeichnisses von August Klipstein (1955), 2 Bde., Bern 2002. 7 Dies., Tagebucheintrag Silvester 1912, in: Die Tagebücher 1908–1943 (wie Anm. 2), S. 120 f. 8 Dies., Brief an den Sohn Hans, 16. April 1917, in: Briefe an den Sohn 1904–1945 (wie Anm. 1), S. 147. 9 Friedrich Nietzsche, Also sprach Zarathustra, in: Friedrich Nietzsche, Werke in drei Bänden, Hg. Karl Schlechta, Bd. 2, München 1960, S. 275–562, hier S. 305. 10 Käthe Kollwitz, Tagebucheintrag vom November 1936, in: Die Tagebücher 1908–1943 (wie Anm. 2), S. 687. Frau mit totem Kind, 1903, Los 910
Made with FlippingBook
RkJQdWJsaXNoZXIy NTQ4OTU=