
Eberhard W. Kornfeld war nicht nur Kunsthändler, sondern auch leidenschaftlicher Sammler – und dies mit enzyklopädischem Anspruch. In dieser Eigenschaft trug er im Laufe seines Lebens eine der bedeutendsten europäischen Privatsammlungen moderner und klassischer Kunst mit dem einzigartigen Schwerpunkt auf Werke auf Papier zusammen.
Im Januar 1945 trat Kornfeld als Volontär in die Firma von Dr. August Klipstein in Bern ein. Das Haus war für seine grosse Expertise in Bezug auf Arbeiten auf Papier weit über die Schweiz hinaus bekannt. Während der Sommermonate besuchte Kornfeld regelmässig die Kupferstichkabinette in Basel, Paris, London oder Amsterdam und bildete sich dabei autodidaktisch weiter. Nach dem überraschenden Tod Klipsteins im April 1951 übernahmen Frieda Schuh und Eberhard Kornfeld gemeinsam mit der Familie Klipstein das Geschäft. Wenige Jahre später wurde Kornfeld alleiniger Geschäftsführer, erwarb schrittweise die Mehrheit an der Firma und führte das Unternehmen ab 1972 als Kommanditgesellschaft unter seinem eigenen Namen weiter. Über Jahrzehnte hinweg verfasste er hunderte von Auktionskatalogen praktisch im Alleingang. So gingen unzählige Kunstwerke durch seine Hände – wohl mehr als bei jedem anderen Kunsthändler seiner Zeit. Sein ausserordentliches Wissen und seine Erfahrung machten ihn rasch zu einem international geschätzten «Scholar-Dealer», einem Händler also, der zugleich als wandelndes Kunstlexikon galt und seinem Beruf mit höchster Kennerschaft nachging. Mit ebendieser Kennerschaft baute er auch seine eigene Sammlung auf.
Im Zentrum seiner Sammlung standen Zeichnungen und Druckgrafiken. Als Kunsthändler und Verleger entwickelte Kornfeld früh ein feines Gespür für die Bedeutung der Druckgrafik. Seit Jahrhunderten ermöglichte sie es Künstlerinnen und Künstlern, ihre Bildideen zu vervielfältigen und einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Für Kornfeld waren grafische Werke jedoch weit mehr als bloss Begleiterscheinungen der Malerei oder Skulptur. Er betrachtete sie als eigenständige Kunstformen, in denen sich Gedanken, Experimente und die Handschrift der Kunstschaffenden oft unmittelbarer und persönlicher manifestierten als in monumentalen Einzelwerken. Tatsächlich war die Druckgrafik vor allem ab dem 19. Jahrhundert zu einem Experimentierfeld geworden: Radierungen, Lithografien und Holzschnitte dienten längst nicht mehr nur der Reproduktion, sondern entwickelten sich zu eigenständigen Ausdrucksformen.
Einen wichtigen Teil seiner Sammlung bildeten illustrierte Bücher und in Portfolios herausgegebene Druckfolgen. Gerade in ihnen erkannte Kornfeld einen authentischen Ausdruck künstlerischen Denkens, denn das Künstlerbuch verbindet Bild, Text und Materialität zu einem Gesamtkunstwerk und macht so den schöpferischen Prozess sichtbar. Besonders faszinierte ihn dabei das Zusammenspiel zwischen Künstlern, Druckern und Verlegern. Er verstand die Entstehung einer Grafikfolge als kreativen Dialog, in dem technische Präzision und künstlerische Vision aufeinandertreffen.
Künstlerbücher interessierten Kornfeld zudem, weil sie einen besonders persönlichen Zugang zum Werk ermöglichen. Anders als ein Gemälde oder eine Zeichnung an der Wand wird ein Buch in die Hand genommen, durchblättert und in zeitlicher Abfolge erlebt. Die Betrachtenden werden aktiv geführt, entdecken Bildabfolgen, Texte, Rhythmus und dramaturgische Übergänge. Kornfeld schätzte diese sehr intime Form der Begegnung mit Kunst. Sie entsprach seinem Verständnis des Sammelns als einer geistigen Auseinandersetzung.
Hinzu kam sein ausgeprägtes historisches Bewusstsein. Künstlerbücher und Grafikfolgen waren für ihn bedeutende Zeugnisse europäischer Kunstgeschichte. Viele avantgardistische Bewegungen des 20. Jahrhunderts – vom Expressionismus bis zum Surrealismus – verbreiteten ihre Ideen über Mappenwerke, illustrierte Bücher und Druckgrafiken. Wer solche Werke sammelte, bewahrte daher nicht nur einzelne Blätter, sondern ganze künstlerische Denkweisen und kulturelle Netzwerke.
Seine Leidenschaft für Künstlerbücher und Grafikfolgen beruhte letztlich auf der Überzeugung, dass sich Kunst nicht allein im einzigartigen Meisterwerk erschöpft. Gerade in den gedruckten, seriellen und oft stilleren Werken offenbarte sich für ihn die geistige Tiefe eines Künstlers besonders eindringlich. Sie zeigten Experiment, Reflexion und Zusammenarbeit – jene lebendige Dimension der Kunst, die Kornfeld zeitlebens faszinierte.
Zu den Höhepunkten dieses Katalogs zählt zweifellos die Lithografiefolge «Elles» von Henri de Toulouse-Lautrec. Die 1896 vom legendären Pariser Kunsthändler und Verleger Gustave Pellet herausgegebene Folge gehört zu den Meisterwerken der Druckgrafik des 19. Jahrhunderts. Kornfeld verband zudem eine enge Freundschaft mit Maud und Maurice Exsteens. Maud war die einzige Tochter und Erbin Pellets und erzählte Kornfeld oft, dass sie als Kind noch auf den Knien von Henri de Toulouse-Lautrec gesessen habe. Neben «Elles» erwarb Kornfeld weitere bedeutende Folgen des 19. Jahrhunderts, darunter Paul Gauguins «Dessins lithographiques – Suite Volpini», Pierre Bonnards «Quelques aspects de la vie de Paris» oder William Blakes berühmte «Illustrations of the Book of Job».
Auch die Künstlervereinigung Brücke, das Bauhaus und der Dadaismus spielten in seiner Sammlung eine zentrale Rolle. Über viele Jahre hinweg trug Kornfeld die massgebenden Publikationen und Schriften dieser Bewegungen zusammen. Neben offiziellen Druckwerken wie den Brücke-Mappen oder den Bauhaus-Drucken sammelte er illustrierte Bücher und Portfolios von Max Ernst, Lyonel Feininger, Wassily Kandinsky, Ernst Ludwig Kirchner, Paul Klee, László Moholy-Nagy und Kurt Schwitters.
Als Freund vieler Kunstschaffender und leidenschaftlicher Sammler erwarb Kornfeld immer wieder illustrierte Bücher aus seinem direkten künstlerischen Umfeld. So finden sich in seiner Sammlung zahlreiche Werke von Marc Chagall und Alberto Giacometti, aber auch Arbeiten von Le Corbusier, Joan Miró oder Pablo Picasso. Eine wichtige Bezugsperson für Kornfeld war der in Griechenland geborene und in Paris tätige Verleger Stratis Eleftheriadis, genannt Tériade. Dieser arbeitete ab 1926 bei den von Christian Zervos gegründeten «Cahiers d’Art» mit und initiierte 1933 gemeinsam mit Albert Skira die den Surrealisten nahestehende Zeitschrift «Minotaure». Mit seinem luxuriös gestalteten Kunstjournal «Verve» schuf Tériade zwischen 1937 und 1960 eines der bedeutendsten Foren der zeitgenössischen Kunst. Parallel dazu begann er ab 1943 mit der Herausgabe bedeutender Künstlerbücher und erreichte 1947 mit Henri Matisses berühmtem «Jazz» einen ersten Höhepunkt (vgl. Los 291). Mit Marc Chagall publizierte er unter anderem die reich mit Originalgrafiken ausgestatteten «Fables» von Jean de La Fontaine, «La Bible» sowie später den farbenprächtigen «Cirque».
Kornfeld war jedoch nicht nur Sammler, sondern auch ein engagierter Verleger von Druckgrafiken. Regelmässig publizierte er Vorzugsausgaben seiner Ausstellungskataloge mit signierten und nummerierten Grafiken. Als seine bedeutendste verlegerische Leistung gilt zweifellos die Publikation «1 Cent Life», die heute zu den Hauptwerken der amerikanischen Nachkriegs- und Pop-Art-Grafik zählt. Anfang der 1960er-Jahre trat der Künstler Walasse Ting, den Kornfeld im Atelier von Sam Francis am 940 Broadway in New York kennengelernt hatte, mit einem ambitionierten Projekt an ihn heran: die Publikation eines Buches mit eigenen Gedichten, illustriert von führenden Künstlern der Pop-Art, des Tachismus und des Neo-Dadaismus. Ting arbeitete zwei Jahre an diesem Vorhaben und gewann Künstler wie Pierre Alechinsky, Jim Dine, Sam Francis, Robert Indiana, Roy Lichtenstein, Joan Mitchell, Claes Oldenburg, Mel Ramos, Robert Rauschenberg, James Rosenquist, Tom Wesselmann oder Andy Warhol für das Projekt. Im Herbst 1964 wurden die ersten Exemplare im Rahmen der Ausstellung «Illustrated Books» im Museum of Modern Art in New York präsentiert. Die «New York Times» schrieb damals begeistert: «… best of all in this line is Ting’s hilarious circle of poems illustrated by so many important artists.»
Einige wenige museale Hauptwerke seiner Sammlung verschenkte Ebi Kornfeld zu Lebzeiten an Museen. Der weitaus grössere Teil seiner Sammlung sollte jedoch nicht in Depots verschwinden. Es war sein ausdrücklicher Wunsch, dass die über mehr als siebzig Jahre zusammengetragene Kollektion nach seinem Tod in neue Sammlungen übergeht. Die Werke sollten bei Menschen weiterleben, die die Kunst ebenso lieben und schätzen, wie er es während seines langen und erfüllten Lebens getan hatte. Wir danken der Familie Kornfeld für das grosse Vertrauen in unser Haus, das wir ganz im Sinne Ebis in die Zukunft tragen dürfen.
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