
Gudrun und Martin Fritsch haben sich über Jahrzehnte hinweg mit aussergewöhnlicher Hingabe der Erforschung, Sammlung und Vermittlung des Werks von Käthe Kollwitz gewidmet. Mit ihrem grossen Engagement haben sie entscheidend dazu beigetragen, Leben und Werk der Berliner Künstlerin einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Aus einer privaten Sammelleidenschaft erwuchs ein aussergewöhnliches Lebenswerk, das weit über Berlin hinaus Wirkung entfaltet hat.
Gudrun Fritsch (geb. Heinze) wurde in Berlin geboren. Sie studierte Geschichte, Germanistik und Pädagogik, bevor sie sich der Sonderpädagogik und Klinischen Psychologie zuwandte. Ein Fulbright-Stipendium führte sie in die Vereinigten Staaten, wo sie 1978 promovierte. Nach Tätigkeiten in Wissenschaft und Lehre sowie im Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft kehrte sie nach Berlin zurück und arbeitete als Schulpsychologin. Parallel dazu widmete sie sich intensiv der Kunstgeschichte und schloss ihr Magisterstudium an der Humboldt-Universität mit einer Arbeit zum Thema «Käthe Kollwitz und Russland» ab.
Martin Fritsch, ebenfalls in Berlin geboren, absolvierte ein Studium der Betriebswirtschaft und war zunächst in leitenden Funktionen bei AEG und Siemens tätig. Später wandte er sich dem Kunsthandel zu und arbeitete eng mit dem Berliner Künstler, Kunsthändler und Sammler Hans Pels-Leusden zusammen. Darüber hinaus war er im Auktionshaus Villa Grisebach engagiert.
Mit der Gründung des Käthe-Kollwitz-Museums Berlin im Jahr 1986 schufen Gudrun und Martin Fritsch gemeinsam mit Hans Pels-Leusden einen Ort, der sich ganz dem Werk der Künstlerin widmet. Während Martin Fritsch das Museum über viele Jahre als Direktor leitete, verantwortete Gudrun Fritsch die wissenschaftliche Arbeit als Kuratorin, Publizistin und Vorsitzende des Freundeskreises. Zahlreiche Ausstellungen, Publikationen und internationale Kooperationen machten das Haus zu einer der führenden Institutionen für die Erforschung und Präsentation des Schaffens von Käthe Kollwitz.
Die gemeinsame Begeisterung der Eheleute Fritsch für Käthe Kollwitz, der persönliche Kontakt zu den Nachfahren der Künstlerin sowie zahlreiche Erwerbungen auf dem internationalen Kunstmarkt und bei Auktionen – darunter regelmässig auch beim Auktionshaus Kornfeld in Bern – bildeten die Grundlage für den Aufbau einer der bedeutendsten privaten Kollwitz-Sammlungen. Die Sammlung Fritsch spiegelt nicht nur eine aussergewöhnliche Kennerschaft wider, sondern auch die tiefe persönliche Verbundenheit mit der Künstlerin und ihren humanistischen Idealen. Für dieses langjährige Wirken wurden Gudrun und Martin Fritsch 2006 mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande und 2011 mit der Bürgermedaille des Berliner Bezirks Charlottenburg-Wilmersdorf geehrt.
Noch vor zwei Jahren konnte die Sammlung um ein neues Blatt (Los 923) ergänzt werden. Gleichzeitig reifte bei Gudrun und Martin Fritsch die Überzeugung, dass der richtige Zeitpunkt gekommen sei, ihre Sammlung in neue Hände zu geben. Damit verbinden sie den Wunsch, dass die Werke weiterhin Menschen bewegen und die künstlerische Kraft von Kollwitz auch künftig ihre Wirkung entfalten kann.
Mit dem Auktionshaus Kornfeld verbindet das Sammlerpaar eine über viele Jahre gewachsene Beziehung. Zahlreiche Werke wurden in Bern erworben, getragen von der langjährigen persönlichen Nähe zu Eberhard W. Kornfeld und seinem Haus. Es war auch Ebi Kornfeld, der den Anstoss gab, gezielt Selbstporträts zu erwerben. Daher erfüllt es uns mit besonderer Freude und Dankbarkeit, diese mit den vielen Selbstporträts aussergewöhnliche Sammlung in einem eigenen Sonderkatalog vorstellen zu dürfen. Die Sammlung ist nicht nur ein bedeutendes Kapitel der Kollwitz-Rezeption, sondern zugleich das eindrucksvolle Vermächtnis zweier Menschen, die ihr Leben in den Dienst einer der grössten Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts gestellt haben.
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Anita Beloubek-Hammer
Gudrun und Martin Fritsch haben sich über Jahrzehnte hinweg mit aussergewöhnlicher Hingabe der Erforschung, Sammlung und Vermittlung des Werks von Käthe Kollwitz gewidmet. Mit ihrem grossen Engagement haben sie entscheidend dazu beigetragen, Leben und Werk der Berliner Künstlerin einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Aus einer privaten Sammelleidenschaft erwuchs ein aussergewöhnliches Lebenswerk, das weit über Berlin hinaus Wirkung entfaltet hat.
Gudrun Fritsch (geb. Heinze) wurde in Berlin geboren. Sie studierte Geschichte, Germanistik und Pädagogik, bevor sie sich der Sonderpädagogik und Klinischen Psychologie zuwandte. Ein Fulbright-Stipendium führte sie in die Vereinigten Staaten, wo sie 1978 promovierte. Nach Tätigkeiten in Wissenschaft und Lehre sowie im Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft kehrte sie nach Berlin zurück und arbeitete als Schulpsychologin. Parallel dazu widmete sie sich intensiv der Kunstgeschichte und schloss ihr Magisterstudium an der Humboldt-Universität mit einer Arbeit zum Thema «Käthe Kollwitz und Russland» ab.
Martin Fritsch, ebenfalls in Berlin geboren, absolvierte ein Studium der Betriebswirtschaft und war zunächst in leitenden Funktionen bei AEG und Siemens tätig. Später wandte er sich dem Kunsthandel zu und arbeitete eng mit dem Berliner Künstler, Kunsthändler und Sammler Hans Pels-Leusden zusammen. Darüber hinaus war er im Auktionshaus Villa Grisebach engagiert.
Mit der Gründung des Käthe-Kollwitz-Museums Berlin im Jahr 1986 schufen Gudrun und Martin Fritsch gemeinsam mit Hans Pels-Leusden einen Ort, der sich ganz dem Werk der Künstlerin widmet. Während Martin Fritsch das Museum über viele Jahre als Direktor leitete, verantwortete Gudrun Fritsch die wissenschaftliche Arbeit als Kuratorin, Publizistin und Vorsitzende des Freundeskreises. Zahlreiche Ausstellungen, Publikationen und internationale Kooperationen machten das Haus zu einer der führenden Institutionen für die Erforschung und Präsentation des Schaffens von Käthe Kollwitz.
Die gemeinsame Begeisterung der Eheleute Fritsch für Käthe Kollwitz, der persönliche Kontakt zu den Nachfahren der Künstlerin sowie zahlreiche Erwerbungen auf dem internationalen Kunstmarkt und bei Auktionen – darunter regelmässig auch beim Auktionshaus Kornfeld in Bern – bildeten die Grundlage für den Aufbau einer der bedeutendsten privaten Kollwitz-Sammlungen. Die Sammlung Fritsch spiegelt nicht nur eine aussergewöhnliche Kennerschaft wider, sondern auch die tiefe persönliche Verbundenheit mit der Künstlerin und ihren humanistischen Idealen. Für dieses langjährige Wirken wurden Gudrun und Martin Fritsch 2006 mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande und 2011 mit der Bürgermedaille des Berliner Bezirks Charlottenburg-Wilmersdorf geehrt.
Noch vor zwei Jahren konnte die Sammlung um ein neues Blatt (Los 923) ergänzt werden. Gleichzeitig reifte bei Gudrun und Martin Fritsch die Überzeugung, dass der richtige Zeitpunkt gekommen sei, ihre Sammlung in neue Hände zu geben. Damit verbinden sie den Wunsch, dass die Werke weiterhin Menschen bewegen und die künstlerische Kraft von Kollwitz auch künftig ihre Wirkung entfalten kann.
Mit dem Auktionshaus Kornfeld verbindet das Sammlerpaar eine über viele Jahre gewachsene Beziehung. Zahlreiche Werke wurden in Bern erworben, getragen von der langjährigen persönlichen Nähe zu Eberhard W. Kornfeld und seinem Haus. Es war auch Ebi Kornfeld, der den Anstoss gab, gezielt Selbstporträts zu erwerben. Daher erfüllt es uns mit besonderer Freude und Dankbarkeit, diese mit den vielen Selbstporträts aussergewöhnliche Sammlung in einem eigenen Sonderkatalog vorstellen zu dürfen. Die Sammlung ist nicht nur ein bedeutendes Kapitel der Kollwitz-Rezeption, sondern zugleich das eindrucksvolle Vermächtnis zweier Menschen, die ihr Leben in den Dienst einer der grössten Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts gestellt haben.
auseinandersetze durch die Arbeit.» Im Sinne von Nietzsches «Amor fati»-Gebot (Liebe zum Schicksal) ging es auch ihr darum, «das Leben so [zu] fassen wie es ist und ungebrochen durch es – ohne Klagen und viel Weinen – mit Stärke seine Arbeit tun. […] seine Persönlichkeit […] verwesentlichen. Sich verbessern – ich meine jetzt nicht im christlichen Sinn, sondern mehr im Nietzscheschen. […] ‹Mensch werde wesentlich!›»
Die zwei Hauptakzente ihrer Motivation, die in diesem Bekenntnis deutlich werden, spiegeln sich auch als Schwerpunkte im Angebot ihrer Werke aus der Fritsch Collection zu dieser Auktion: Zum einen sind es die zahlreichen Selbstbildnisse als Ausdruck der selbstkritischen Haltung der Künstlerin, zum anderen ist es die eindringliche existenzielle Thematik mit ihren Bildern der physischen und seelischen Not, der Opferbereitschaft und des Todes. Wie in Kollwitz’ Gesamtwerk dominieren auch hier die ernsten, dunkleren Töne – poetisch umschrieben als der «Erzklang des Lebens», wie ihn die Künstlerin selbst an ihrem Lieblingsdichter Goethe schätzte.
Zu den ersten Erwerbungen des Sammlerpaares Fritsch gehörten um 1980 sogleich ikonische Werke mit tief emotionalem Gehalt: die Kreidezeichnung «Schlachtfeld» (Los 913) von 1907 mit der gebeugten Mutter, die in der Dunkelheit mit einer Lampe in der Hand auf dem Schlachtfeld zwischen den im Kampf Getöteten ihren Sohn zu finden hofft. Es ist ein Entwurf für die gleichnamige Radierung des Zyklus «Bauernkrieg» (1902/03–1908), in dem Kollwitz ihre eigene Lebenstragik gleichsam ahnungsvoll vorweggenommen hat.
Die zweite frühe Erwerbung mit dem Titel «Tod und Jüngling» (Los 918) von 1922/23 stellt ein fast immateriell emporgleitendes, zu einer Einheit verschmolzenes Figurenpaar dar – eine Hommage der Künstlerin im Gedenken an ihren im Ersten Weltkrieg getöteten Sohn. Die gelängten Körperformen rekurrieren möglicherweise auf das unvollendete, entmaterialisierte Marmorbildwerk der «Pietà Rondanini» (vgl. Abb.) von Michelangelo Buonarroti, das als Foto im Zimmer des Sohnes hing. Dessen früher Soldatentod war das erschütterndste Ereignis im Leben von Käthe Kollwitz, zumal sie selbst den Wunsch ihres Sohnes, sich freiwillig zum Kriegsdienst zu melden, entgegen der Haltung ihres Mannes unterstützt hatte. Noch während des Krieges erkannte sie ihren fatalen Irrtum: «Der Peter lebte vielleicht noch, wenn nicht dieser furchtbare Betrug gewesen wäre. Der Peter und Millionen, viele Millionen anderer. Alle betrogen.» Zur Erinnerung und Mahnung an die irre geleiteten jugendlichen Opfer schuf sie die eindringliche Zeichnung der begeistert vorwärts in den Krieg stürmenden «Freiwilligen» (Los 920) und fügte sie, umgesetzt als Holzschnitt (Los 921), in ihren ausserordentlichen Zyklus «Krieg» (1920–1922) als pazifistische Botschaft ein. Das tiefe Leid der Hinterbliebenen des Krieges – verzweifelte Mütter und Witwen, vor Gram erstarrte Väter – hielt sie in der Pinselzeichnung «Die Überlebenden» (Los 922) fest. Sie gehört zu den Vorarbeiten für ein lithografisches Plakat zum Antikriegstag am 21. September 1923 für den Internationalen Gewerkschaftsbund in Amsterdam.
Inflation und Hungersnot prägten die ersten Nachkriegsjahre; Kollwitz reagierte darauf unter anderem mit der dreiteiligen Holzschnitt-Folge «Proletariat» (1924/25). Das Blatt 2, «Hunger», ist mit neun Überarbeitungen – verschiedenen Zuständen, mit Tusche und Deckweiss überarbeiteten Fassungen und Teildrucken – im Sammlungsangebot vertreten (Lose 926 und 927). Dargestellt sind fliehende Mütter mit ihren Kindern, die sich unter der geschwungenen Geissel des allegorischen Hungertodes ducken. Die Überarbeitungen verleihen den Blättern den Charakter von Unikaten und geben zugleich Einblick in den Arbeitsprozess der Künstlerin.
Seit 1891 selbst Mutter, wandte sich Käthe Kollwitz zunehmend und mit wachsender Intensität dem Themenkreis von «Mutter und Kind in Bedrängnis» zu und schuf berührende Zeichnungen, wie etwa die drei Kohle- bzw. Kreidezeichnungen aus den Jahren 1903 bis 1910 zum Thema «Frau mit totem Kind», die zum Auktionsangebot gehören. Wie bei einer Pietà mit Maria und dem Leichnam Christi, beugt sich die verzweifelte Mutter mit leidenschaftlicher Hingabe über den leblosen Körper ihres Kindes, umklammert ihn mit starken Armen; sie will ihn nicht hergeben (Los 910). Auffallend zahlreich sind die Darstellungen der Konfrontation von Kindern mit dem Tod im OEuvre der Künstlerin. Diese Gegenüberstellung der Extreme schien ihr offensichtlich zum Ausdruck der «Grundgefühle eines vollen Lebens» besonders geeignet: «Trennung, Tod sind Begleiterscheinungen jeden Lebens». Dieses Bewusstsein zu vermitteln, war ihr Bestreben bis zu ihrem eigenen Tod.
Eine Zeichnung aus der angebotenen Sammlung fällt aus dem Darstellungsspektrum im Werk von Kollwitz etwas heraus (Los 908): «Aus vielen Wunden blutest du, o Volk» (um 1896?). Es ist eine Detailstudie zu der gleichnamigen Radierung von 1896, die zunächst als Schlussblatt des Weberzyklus geplant war. Die Radierung zeigt zudem einen am Marterpfahl gefesselten Frauenakt: Thema ist die Leidensrolle der Frau, verbunden mit der Frage nach Gerechtigkeit. Das Blatt wurde – wohl aufgrund seiner singulären symbolistischen Formensprache – nicht als Abschluss des Weberzyklus ausgeführt. Die Zeichnung befand sich einst in der Sammlung von Eberhard W. Kornfeld.
Mit ihren zahlreichen Selbstbildnissen nimmt Kollwitz in der Reihe ihrer künstlerischen Zeitgenossen, die sich ähnlich intensiv mit ihrem eigenen Selbstbild auseinandersetzten, eine herausragende Stellung ein. Van Gogh, Paula Modersohn-Becker, Lovis Corinth und Max Beckmann wären in dieser Beziehung als etwa gleichermassen Prominente zu nennen. Die Kollwitz-Werkverzeichnisse dokumentieren 103 direkte Selbstbildnisse als Zeichnung (bei insgesamt rund 1300 Einträgen) und etwa 35 in druckgrafischer Technik (von insgesamt 275 Nummern). Hinzu kommen in beiden Medien zahlreiche indirekte Selbstdarstellungen, verborgen in allgemein menschlichen Themen wie Mutterschaft, Abschied oder Tod.
Das Auktionsangebot umfasst zehn Selbstbildnisse als Zeichnung und Druckgrafik aus dem Zeitraum von 1888 bis 1936, darunter Studienblätter und vollgültig ausgeführte Werke von erlesenem Wert, wie etwa die beiden meisterhaften und sehr seltenen Farblithografien (Lose 914 und 915), wahre Glanzpunkte der Sammlung. Sie wurden von der Begegnung der Künstlerin mit dem französischen Grafiker und Maler Théophile-Alexandre Steinlen in Paris inspiriert, wo sich Kollwitz 1901 und 1904 zu Studienzwecken aufhielt. Seit diesen Aufenthalten wandte sie sich auch der Farbe als künstlerischem Ausdrucksmittel zu.
1908 begann sie, Tagebuch zu führen. Diesem vertraute sie trotz ihrer frühen Erfolge mit den grafischen Zyklen «Ein Weberaufstand» (1893–1897) und «Bauernkrieg» (1902/03–1908), trotz früher Ankäufe durch die Kupferstichkabinette in Dresden, Berlin und München sowie trotz der Verleihung des Villa-Romana-Preises im Jahr 1907 immer wieder ihre tiefen Selbstzweifel an. Beispielhaft für die zahlreichen ähnlichen Eintragungen seien hier ihre Reflexionen als Künstlerin, Ehefrau und Mutter zitiert, welche die 45-jährige Kollwitz am Silvesterabend 1912 niederschrieb:
«War das letzte Jahr gut? Es war glimpflich. Es hat mir nicht viel Schmerz gebracht. […] Die alten Übelstände sind aber immer noch da zwischen Karl [dem Ehemann] und mir. […] Ich leugne ab und will nicht wissen, was zwischen Karl und mir ist. Wenigstens Karl gegenüber. Ich bin in dieser Beziehung verlogen und ich glaube, dass auch Karl das glaubt.
Von Hans [dem ältesten Sohn, geb. 1892] hab ich den Eindruck, er findet nicht immer das in mir was er sucht. Er geht sehr vorwärts, aber ich nicht. Empfindet er mich alt werden? Werde ich merklich alt? Ich weiss es nicht. Mitunter fühle ich mich fast gelähmt. Mitunter elastisch. Schlimm ist es, dass ich manchmal an mein Arbeiten nicht mehr glaube. Früher sah ich nicht nach der Seite, jetzt fühle ich mich angreifbar, bin manchmal arg verzagt. Auch beunruhigt mich zu sehr die Jugend mit ihrer anderen Richtung [Expressionismus]. […] komm mir zum alten Eisen geworfen vor. Das ist auch so. Und das einzige was man tun kann ist, Scheuklappen vorzunehmen und für sich zu büffeln und sich um nichts anderes zu kümmern.»
Dabei konnte sie anlässlich ihrer Ausstellung bei Paul Cassirer 1917 mit Recht bekennen: «Alle diese Blätter sind Extrakt meines Lebens. Nie habe ich eine Arbeit kalt gemacht, […] sondern immer gewissermassen mit meinem Blut. Das müssen die, die sie sehen, spüren.» Dieses Pathos des Unbedingten teilte sie damals mit einer ganzen Generation junger Künstler, besonders den Expressionisten und anderen Modernen, die dem Diktum von Friedrich Nietzsches Propheten Zarathustra folgten: «Schreibe mit Blut.» Es war die emotionale und existenzielle Ausnahmesituation der Jahre vor, während und nach dem Ersten Weltkrieg, die bei zahlreichen, vornehmlich jüngeren Künstlern eine radikalere, mehr zur Abstraktion neigende Formensprache zur Folge hatte. Auch Kollwitz erreichte besonders in den Nachkriegsjahren ihre stärkste Berührung mit dem Expressionismus. Die beiden Selbstbildnisse von 1924, Holzschnitt und Lithografie, (Lose 923 und 924), stehen mit ihrer Formenknappheit und Reduktion auf das Wesentliche für diese Entwicklung.
Der Weg der Künstlerin zur grossen Form wurde durch die zunehmend intensive bildhauerische Arbeit bestärkt. Im letzten hier präsentierten Selbstbildnis (Los 929) aus dem Jahr 1936 sind jegliche Details eliminiert. Nur ihr Antlitz mit gebeugten Schultern, die Arme tatenlos verschränkt, bewirken in der frontalen Ansicht den eindringlichen Ausdruck. Es ist ein gedankenschweres Altersbild, in dem Kollwitz ihre individuelle seelische Not zu einem allgemeinen Sinnbild der Einsamkeit gestaltet hat. Seit dem Beginn der NS-Diktatur hatte sie manche Demütigung erfahren; 1936 wurden ihre Skulpturen aus einer repräsentativen Akademieausstellung entfernt, gemeinsam mit Werken von Ernst Barlach und Wilhelm Lehmbruck. Sie hoffte auf eine solidarische Reaktion der Künstlerkollegen – vergeblich. «So etwas von Stille um mich», notierte die fast Siebzigjährige enttäuscht in ihr Tagebuch: «Das muss alles erlebt werden.»
Ergänzend zum herausragenden künstlerischen Wert mit zahlreichen ikonischen Werken sind die vorzüglichen Provenienzen der Sammlung hervorzuheben: Durch den freundschaftlichen Kontakt der Sammler zu den Enkeln der Künstlerin erhielten sie Zugang zu deren Nachlass. Ein besonderer Fundus bedeutete auch der Nachlass des mit Kollwitz befreundeten jüngeren Künstlerkollegen Otto Nagel. Als Präsident der Akademie der Künste der DDR setzte er sich nach dem Zweiten Weltkrieg für das Werk von Kollwitz ein und initiierte unter anderem den Oeuvrekatalog der Handzeichnungen, der 1972 erstmals erschien. Hinzu kamen namhafte deutsche und internationale Sammlungen: USA (Lose 908, 915 und 919); Kanada (Los 906), Grossbritannien (Los 920), Schweiz (Los 908), Israel (Los 905) sowie Deutschland (Lose 909 und 922).
Die Galerie Kornfeld pflegt die Verbindung zum Werk von Kollwitz in langer Tradition. Bereits ihre Vorgängerinstitution, Galerie Gutekunst & Klipstein, engagierte sich für die Künstlerin: Sie gab 1955 das erste von August Klipstein verfasste Verzeichnis des grafischen Werkes heraus. 2002 erschien die zweibändige Neubearbeitung, besorgt von Alexandra von dem Knesebeck, im Verlag der Galerie Kornfeld.
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